Avatar

Avatar

Avatar also DER (vermeintliche) Film des Jahres. DAS Kinoevent schlechthin. Oder? Sagen wir mal, dass ich im Vorfeld selten so gespannt und voller Erwartungen war wie auf den neuen, völlig überteuerten Blockbuster (man munkelt von 300 Millionen Dollar und mehr an Produktionskosten) vom Regisseur James Cameron, der mit Terminator, Aliens und The Abyss für das SF-Genre unvergessliche Meilensteine schuf. Bei Titanic scheiden sich zwar die Geister, aber eine gewisse Gigantomanie und eine annähernd perfekte Inszenierung von Spezialeffekten kann man ihm wohl kaum absprechen. Und so nebenbei ist dieser Film bis dato mit 1,6 Milliarden Einspiel der erfolgreichste Film aller Zeiten.

”Everything is backwards now, like out there is the true world, and in here is the dream.”

Das totale Erleben in 3D

Tja, und jetzt Avatar also. Nach einer halben Stunde inmitten des 3D-SFX-Overkills fiel mir auf, dass ich mal ausschnaufen und mich wieder etwas beruhigen sollte, denn ich war die ganze Zeit über körperlich angespannt. Die Gänsehaut meldete sich in der Folge auch mehr als einmal und innerliche Ausrufe der Überwältigung drängten sich ebenso immer wieder auf. Tatsächlich erlebt man ein großes Füllhorn an mitreißenden Eindrücken. All das hat wohl in erster Linie mit dem anfangs doch etwas gewöhnungsbedürftigen 3D-Effekt zu tun, der selten aufdringlich daherkommt und nicht immer voll zuschlägt, aber insgesamt schon verdammt viel hermacht. Aber noch mehr und vor allem waren es die High-End-CGIs die in einer umwerfenden HD-Qualität zum Einsatz kamen. Noch nie war eine Dschungellandschaft so unglaublich realistisch anzuschauen, noch nie waren Hauttexturen schöner, noch nie die Augen künstlich geschaffener Figuren tiefer, noch nie die digitalen Bewegungen und die Mimik flüssiger, noch nie hat sich eine so glaubhaft animierte und stilvoll inszenierte Welt einem im Kino aufgetan…

Der Film Avatar ist ein Erlebnis, ein tatsächliches Erlebnis als Film. Ich bezweifle mal, dass er in der Wucht als Download in zweitklassiger Qualität überhaupt zu funktionieren vermag, weil er eben tatsächlich als Erfahrung in einem Kinosaal konzipiert ist. Selbst als Blu Ray/DVD auf einem Fernsehschirm wird er gewisslich an Intensität verlieren.

”Sky people can not learn, they do not see.”

Kitsch und Klischees und eine geniale Idee

So glaubhaft und grandios die Welt von Avatar und dem Planeten in seiner Vielfalt auch umgesetzt ist, so sehr schwächelt der Film zum Teil auch bei der Figurenzeichnung und der Handlung. Einerseits kommt der Großteil der Charaktere recht eindimensional daher. Das Gut/Böse-Schema wird ohne viel an Differenzierung wiederholt vorgebetet. Auf der einen Seite sind es die gierigen Menschen mit der zerstörerischen Technologie und auf der anderen Seite stehen die überromantisierten und im völligen Einklang mit der Natur lebenden Na’vi, die als arme Opfer und im Gegenzug als rechtmäßige Verteidiger kaum mit komplexeren Zwischentönen auftreten dürfen. Es sind ja doch alle Indianer gut.

Sehr klassische SF ohne viel Originalität, denn letztlich hat man die Story schon reichlich ähnlich u.a. bei Dances with the Wolves gesehen (oder eben ‚Pocahontas in Space‘). Es gibt im Grunde keine wirklich neue Idee, lediglich das ganze Konzept des Avatars inklusive den zig Meta-Ebenen, auf denen dies funktioniert, kann voll überzeugen. Dies geht weit über den Film selbst hinaus und um nur ein paar Stichworte zu nennen: die Gegenüberstellung von digitalen Kreationen und ‘realen’ Elementen, Natur und Technologie (uraltes SF-Thema), echte und künstliche Körper, Traumwelten und zerstörte Realitäten, Technologiefetischismus (im Grunde sogar der Film selbst) und verlorene Spiritualität…

”You see? It is a demon in a false body.”

Eine Geschichte, die doch mehr sein sollte

Alles in allem ist dabei die Handlung nicht einmal schlecht, nein, aber bei allen nur allzu kitschigen und Disney-haften Sequenzen, die phasenweise zumindest für mich nur schwer erträglich waren, hätte man eben gerade von einem James Cameron, besonders auch aufgrund der ewig langen Produktionszeit und all den budgetären Möglichkeiten, mehr erwartet. Aber irgendwie wird im Film schon auch klar, dass Mr. Cameron bis zum Letzten an die Story und an seine Figuren geglaubt hat und viele kleine Momente, die wirklich passend und stimmig eingestreut sind, sprechen für seine Detailverliebtheit, die allzu standardisierte Plastikhaftigkeit verhindert und sei es allein die rein kindliche Neugier mit leuchtenden Pflanzen zu spielen.

Insgesamt aber habe ich mir mehr als einmal wirklich gewünscht, dass die Geschichte doch nur besser wäre, dann könnte ich den Film noch mehr mögen, weil ich das bei all der Bildgewalt und dem großen Potenzial auf so vielen Ebenen wirklich will. Der Faszination allein kann man sich ohnehin nicht entziehen.

”Toruk Makto was mighty. He brought the clans together in a time of great sorrow. All Navi people know this story.”

Der Triumph von James Cameron

Und dann gibt es da noch eine finale Schlacht, bei der James Cameron alle seine früheren Stärken voll ausspielt und die perfekte Action-Dramaturgie einen einfach nur mitreißt und man nur absolut begeistert zusehen kann. Diese knapp 25 Minuten sind einfach nur umwerfend und entschädigen für sehr vieles. Ebenso wie ein nur allzu kurzer, aber auch nur allzu bedeutender Moment, bei dem sich die Hauptfiguren, die großen Erzählungen und all die vielen Meta-Ebenen an einem Ort und in einem Satz treffen.

”I see you.”

Fazit von Spenz

Avatar ist eigentlich ein Film, den man gesehen haben muss und zwar unbedingt in HD-3D im Kino, einfach weil er als solches für dieses Format als Ereignis inszeniert ist.

Handlung und Charakter-Zeichnung weisen deutliche Schwächen auf, werden wohl auf dem Fernsehschirm noch unangenehmer auffallen, aber insgesamt wird dafür mit vielen anderen großartigen Momenten entschädigt. Die SFX und die künstlich geschaffene Welt sind bei aller klassischen, etwas angestaubten Science Fiction absolut umwerfend und dabei ist der Immersions-Effekt enorm.

James Cameron hat es in jedem Fall nach wie vor drauf und wenn ihm die Drehbuch-Geister noch mehr inspirieren und er endlich wieder mal komplett auf Kitsch verzichten würde und sich primär auf harte SF und kompromisslose Action besinnt, dann könnte uns in Zukunft ein Film blühen, der wirklich alles wegbläst, was vorher da war. Die Technik und die Möglichkeiten sind da. Alles ist nunmehr darstellbar. Das Kino von Morgen hat begonnen.

PS: Mit 2,7 Milliarden Einspiel ist nun Avatar der erfolgreichste Film aller Zeiten, wobei der Re-Release jetzt im Sommer 2010 noch nicht mitgerechnet ist (DVD-Einkünfte ebensowenig).

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