Black Swan

Black Swan

Ich muss Darren Aronofsky an dieser Stelle meinen persönlichen Dank aussprechen. Der Regisseur und Drehbuchautor hat mir nämlich vor einigen Jahren mit seinem Erstlingswerk Pi (1998) den Tag gerettet. Dieser schwarzweiße SF-Fiebertraum mit mythischen Unterbau hat mich weggetragen von gewissen Stimmungslagen und sog mich gänzlich auf. Das war einer von den Momenten, wo ich wieder wusste, warum ich Filme liebe.

Seinen großen künstlerischen Durchbruch schaffte er allerdings mit Requiem for a Dream aus dem Jahr 2000. Inszenierung und Darstellerkunst werden hier bis zum Äußersten getrieben. Der Verfall der Figuren und damit die Geschichte vemochten dabei eine so unangenehme wie intensive Erfahrung für den Zuschauer zu werden. Zudem summt die geniale Soundtrack-Nummer ‘Lux Aeterna’, dargeboten vom ‘Kronos Quartett’, immer wieder in meinem Ohr (zigfach schon neu vertont in diversen Trailern zu hören). The Fountain konnte mich dann anno 2007 nicht gänzlich überzeugen.  So beeindruckend die äußerst ästhetischen und effektgeladenen Bilder zum Teil waren, so sehr versanken sie auch gerne im Kitsch und entglitten phasenweise fast zur Gänze in konfuses Esoterik-Gewäsch. Ich glaube Darren Aronofsky ja seine Suche und seine Auseinandersetzung, aber hier dürfte er wohl dem Fetisch seiner Ideen erlegen sein, ohne aber den Menschen noch zu sehen. The Wrestler (2008) aber zeigt ihn wieder. Gebrochener, verletzlicher und sehnsüchtiger denn je. Der Hauptdarsteller Mickey Rourke spielte dabei bis zur Selbstaufgabe und hat damit eine unvergessliche, mehrfach preisgekrönte Performance geboten. Allerdings verweilen für mich viele der Figuren dieses Werks eine Spur zu sehr in jenen stereotypen Rollen, die man ihnen nur allzu leicht zuordnen kann. Mit durchaus recht großen Erwartungen, auch aufgrund euphorischer Kritiken aus Übersee, begab ich mich als für Black Swan ins nahe Lichtspielhaus zur kritischen Beschauung.   

‘‘I felt it. Perfect. I was perfect.‘‘

Der schwarze Schwan will getanzt werden

In New York wird das berühmte Ballett Schwanensee neu aufgeführt. Für die Besetzung des weißen und des schwarzen Schwans soll eine einzige Tänzerin in einer Doppelrolle auftreten. Dies heißt aber auch, die so anspruchsvollen wie gegensätzlichen Rollen vollkommen zu verinnerlichen.

Die Ballerina Nina Sayers (Natalie Portman) wird aufgrund ihres fast schon selbstzerstörerischen Perfektionismus zur Schwanenkönigin. Allerdings ringt sie von Beginn an damit, ihrer Darstellung des schwarzen Schwans jene Leidenschaft und jene verführerische Sinnlichkeit zu geben, die diese Figur eigentlich verlangt. Der Ballett-Direktor Thomas Leroy (Vincent Cassel) versucht mit seinen Annäherungsversuchen, wohl auch zu seinem Vergnügen, eine andere Seite in Nina zu wecken.

Nina selbst leidet zudem unter ihrer repressiven Mutter (Barbara Hershey), die in ihrer Tochter nichts anderes sieht, als ihre eigene, für ihr Kind aufgegebene Karriere. Das große Vorbild ist die alternde Primaballerina Beth MacIntyre (Winona Ryder), die jedoch nach einem Unfall nie wieder tanzen wird.  Die Bühnen-Konkurrentin Lily (Mila Kunis) beherrscht die Rolle des schwarzen Schwans scheinbar mühelos, was offenbar auch mit ihrem ausgelassenen Lebensstil zu tun hat. Sie löst bei Nina ebenso viel an Neid wie auch an Irritation aus.

Mit jedem Tag rückt die Premiere des Schwanensees näher und der Druck auf Nina wächst. Durch den Stress zeigen sich psychosomatische Erscheinungen auf dem Körper, aber auch Selbstverstümmelungen passieren. Ein immer lauterer Wahnsinn schleicht sich in ihr Leben ein. Sie sieht Dinge, die es nicht geben sollte. Spiegelbilder werden unheimlich. Der Verstand zerbricht und der Körper transformiert…

‘‘I just want to be perfect.‘‘

Die gewollte Kunst

Black Swan hat alles.

Das ist vordergründig gesehen einmal eine mehr als nur beeindruckende Performance von Natalie Portman, die psychisch und physisch einen so zerbrechlichen wie besessenen Charakter zeigt, der sich selbst verliert. Da ist der Regisseur Darren Aronofsky, der inszenatorisch jene Intensität zu schaffen vermag, die einen visuell und emotional mitreißt. Da ist eine Geschichte, die die große Kunst des Balletts beschwört und dabei sowohl das tiefe Drama als auch den gekonnten Horror bedient. Da ist auch noch ein feines Ensemble, eine nahe Kamera und ein schöner Schnitt.

Da ist also alles, was Qualität und Anspruch hat. Da ist also alles, was man für einen formidablen Arthouse-Film mit hoher Kunstsinnigkeit zu halten hat. Das ist das bessere Hollywood. Dort gehören die Oscars immer dann hin, wenn es zu beweisen gilt, dass die Leinwand doch nicht oberflächlich ist und ein Publikum sich einig zunicken darf, dass es jetzt, hier und damit ein über die Maßen großartiges Werk erfahren durfte. Offene Münder und entfesselte Begeisterung auch bei den intelligenten Kritikern bitte. Danke.

‘‘I was perfect… ‘‘

Das gescheiterte Wollen

Black Swan hat letztlich aber erstaunlich wenig.   

Der Geschichte mag man noch zugestehen, dass die Geschichte von der besessenen Figur, die an der eigenen, selbstzerstörerischen Sehnsucht zerbricht, immer wieder neu erzählt werden muss, weil sie vom Menschsein selbst erzählt. Dieses  Grundmotiv zieht sich ohnehin durch alle Werke Aronofskys. Dass dies aber fast allein mit stereotypen Handlungsweisen und vorhersehbaren Entwicklungen geschehen muss, enttäuscht schwer. Praktisch jeder Charakter bleibt in seiner ersten Zuordnung mit dem ersten Auftreten verhaftet. Zwischentöne und Nuancen sind nur selten bis gar nicht vorhanden. Besonders die tyrannische Mutterfigur wirkt fast schon lächerlich plump in ihren reproduzierten Eigenheiten einer tyrannischen Mutterfigur.

Der duale Existenzialismus wird hier zudem unter der gekonnten Designer-Fassade unglaublich simpel abgehandelt. Der weiße und der schwarze Schwan müssen beinahe für ein ausgesprochen plattes Gut/Böse-Schema herhalten, was umso mehr den viel zu bemühten Symbolismus entlarvt, der sich auch noch im Deckmantel der ‚großen Kunst‘ des Balletts verstecken möchte. Die Lektion des drohenden Wahnsinns für jeden Menschen lernen wir dann ebenso erneut, wie vom alten Kampf des leidenschaftslosen Perfektionismus versus intuitive Hingabe. Für die Initiation von Letzterem müssen dann freilich wieder Drogen und ungezügeltes Verhalten herhalten. Nicht erspart bleibt uns aber auch noch die Botschaft, dass man ohne die Penetration durch andere, sich selbst penetrieren muss. Nur guter Sex (oder wenigstens ungestörte Selbstbefriedigung) bewahrt uns also vor Selbstzerstörung und Irrsinn. Naja. 

Lediglich zum Finale hin und mit der Steigerung der Horror-Elemente beginnt der Film dann doch deutlicher anzuziehen. Zwar beherrschen andere Regisseure sowohl den Horror des psychischen Zerbrechens (Lars von Trier) als jenen des transformierenden Körpers (David Cronenberg) weit besser, aber dies geschieht auch mit dem visuellen Surrealismus hier ganz ordentlich. Leider wird die Finsternis dann wieder doch recht simpel zur Conclusio gebracht. Für Genre-Kenner bleibt die Auflösung so vorhersehbar wie unbefriedigend eindeutig.

‘‘Perfect? I’m not perfect. I’m nothing.‘‘

Fazit von Spenz

Was für das Geld der Blockbuster auf dem Reißbrett ist, ist für die eigentliche Kunst die aufgeblasene Eitelkeit eines gewollten Arthouse-Streifens. Das Können ist ohne Zweifel bei der Inszenierung und beim Schauspiel vorhanden, aber beides muss vor einem entmenschlichten Ideen-Fetischismus kapitulieren, bei dem Zwischentöne, Nuancen und Ambivalenzen dem plumpen Abhandeln von Stereotypen geopfert werden. Dies wird auch noch gepaart mit einem fast zwanghaften Hang zu fragwürdigen Botschaften, die ein wirklich gutes Werk nicht braucht.

Darren Aronofsky scheint mir mit Black Swan einer gewissen Selbstgefälligkeit erlegen zu sein, mit der er uns sagen will und genau zu wissen glaubt, wie die große Kunst, die große Erzählung und das große, anspruchsvolle, schöne, verstörende, mitreißende Kino zu sein haben. Das haben wir gefälligst zu kapieren. Kapieren wir es nicht, haben wir entweder keine Ahnung oder keinen Anspruch. Zum Ansehen ist ja alles, aber die Substanz bricht zu schnell weg.

Black Swan ist für mich insgesamt ein enttäuschendes Werk, ja die bisher schwächste Arbeit des oftmals sonst so beeindruckenden Regisseurs. Lediglich zum Finale hin überzeugen horrible Intensitäten und surreale Einlagen, aber die retten den Film insgesamt nicht, zumal der Schluss einen zu absoluten und zu simplen Endpunkt bildet, der alle Atmosphäre zuvor erstickt. Ich sehe hier ein Scheitern unter einer glanzvollen Designer-Fassade, die zu sehr im Wollen und im Zeigen verhaftet ist, was wirklich schade ist, wo man doch weiß, dass Darren Aronofsky so viel mehr kann.

  • Max

    Sorry diese Bewertung kann ich definitiv nicht unterstreichen – alleine die Darbietung von Natalie Portman gehört zum besten in der jüngeren Filmgeschichte.

  • Curschti

    Wenn ich mir den Satz…

    “Das Können ist ohne Zweifel bei der Inszenierung und beim Schauspiel vorhanden, aber beides muss vor einem entmenschlichten Ideen-Fetischismus kapitulieren, bei dem Zwischentöne, Nuancen und Ambivalenzen (…)”

    …durchlese, dann weiß man, warum Woody Allen einst sagte, dass er gerne alle Kritiker töten würde. Da bekommt man den Eindruck, dass sich jemand mit einer überbohrenden Formulierungsschlacht mit pseudo-Intellektuellen Anspruch profilieren will, anstatt sich auf den Film zu beziehen. Im Endeffekt ist die Kritik nichts anderes, als der Vorwurf an den Film selbst: Außen Hui, innen pfui.