Das Kabinett des Doktor Parnassus

Das Kabinett des Doktor Parnassus

Ich mag Terry Gilliam. Irgendwie war und ist der einstige Mitbegründer der Monty Python-Truppe einer der letzten Autorenfilmer, dessen überbordende Fantasie ein Kino voll verspielt-fantastischer Visionen zu schaffen vermag und das auch noch über Jahre hinweg konsequent gegen den standardisierten Blockbuster-Mainstream. Dabei sind seine Projekte allerdings auch mehrfach an eben jener überbordenden Fantasie gescheitert, allerdings auch aufgrund von reichlich Pech und seinem eigenen, wohl auch etwas störrischen Ego.  

Seine erste große Regie-Arbeit, bei der er auch am Drehbuch und als Darsteller beteiligt war, erschien 1975 und trug den Titel Die Ritter der Kokosnuss, der sicherlich zu den besten Monty Python-Filmen zählt. Time Bandits aus dem Jahre 1981 sollte bereits alle typischen Gilliam-Motive enthalten:  abwechslungsreiche Handlungsstränge, fantastische Sets und Effekte, märchenhafte Elemente, ein teils aberwitziger Humor und jede Menge skurrile Charaktere. 1985 folgte der von mir absolut favorisierte Brazil, in dem er Franz Kafka, George Orwell und sich selbst zitierte. Eine satirische SF-Dystopie, die noch dazu mit surrealen Traumvisionen angereichert ist und dessen negatives Ende für einigen Unmut von Seiten des Studios sorgte (und so nebenbei zu verschiedenen Schnittfassungen führte). Die Abenteuer des Baron Münchhausen (1988) war auf ganzer Linie ein finanzielles und filmisches Debakel. Der Totalflop und enorme Probleme während der Dreharbeiten führten dazu, dass Terry Gilliam seither einen äußerst schlechten Ruf bei Produzente und Studios als Chaos-Regisseur bekam, den er nie ganz los wurde.  

Danach und auch später blieben ihm häufig nur Auftrags-Arbeiten über, wovon allerdings Twelve Monkeys (1995) mit Bruce Willis (der weit unter seiner üblichen Gage spielte) und Brad Pitt (in einer Oscar-nominierten Performance und kurz vor seinem Durchbruch) ein großer künstlerischer und finanzieller Erfolg wurde. Es folgte der kultige Drogenfilm Fear and Loathing in Las Vegas (1998), der Johnny Depp auch einiges an Humor entlockte. 2002 scheiterte das Projekt The Man Who Killed Don Quixote kurz nach den ersten Aufnahmen auf ganzer Linie, was in der Dokumentation Lost in La Mancha festgehalten wurde.

2009 erschien schließlich Das Kabinett des Doktor Parnassus, der sich studiounabhängig finanzierte und dessen Fertigstellung aufgrund von diversen Produktionsproblemen nicht gesichert war. Zu allem Überfluss starb auch noch der Hauptdarsteller inmitten der Dreharbeiten, was das endgültige Aus bedeutet hätte, wenn nicht auf einzigartige Weise diverse bekannte Hollywood-Größen eingesprungen wären. Der Hauptdarsteller war Heath Ledger und nach seinem fulminanten Triumph in The Dark Knight (2008) wurde dies zu seinem letzten schauspielerischen Vermächtnis.

Can you put a price on your dreams?

Der Unsterbliche wettet erneut mit dem Teufel

Wie ein Fremdkörper wird ein so großer wie wundersam anzusehender Theaterwagen von Pferden durch das moderne London gezogen. Wie zufällig öffnet er sich vor einer Bar, wo gerade die betrunkenen Gäste heraus wanken und  ein wunderbares Schauspiel aus altmodischen Kulissen, geschminkten Schaustellern und einem Zauberspiegel erblicken. Es kommt zu einer Schlägerei und einer der Zuschauer entschwindet in das gläserne Portal, wo seine verworrenen Fantasien wahrhaftig werden und aus denen er nicht mehr wiederkehrt. Die Polizei wird gerufen und es folgt eine chaotische Flucht.

Dr. Parnassus (Christopher Plummer) ist der Schöpfer dieses wunderlichen Wandertheaters, der vor tausenden von Jahren durch eine Wette mit dem Teufel die Unsterblichkeit gewann und nun etwas heruntergekommen der Welt noch etwas Magie und Freude schenken will. Seine reichlich junge Tochter Valentina (Lily Cole) ist ebenso Teil der Truppe wie der etwas ungestüme Anton (Andrew Garfield) und der kleinwüchsige Percy (Verne Troyer). Die große Zauberkraft des Dr. Parnassus besteht daran, den Spiegel in ein Portal zu verwandeln, durch den Menschen in ihre eigene Traumwelt gelangen, wo sie aber auch die Wahl zwischen ihrem Laster und der Entsagung von ihrem Laster erhalten. Sollten sie sich für das Erstere entscheiden, erwartet sie oder besser ihre Seele ein gewisser Mr. Nick (Tom Waits), der niemand geringerer als der Leibhaftige höchstpersönlich ist.

Dr. Parnassus geht schließlich eine weitere Wette mit dem Teufel ein um seine Tochter zu retten, die er ihm sonst zu ihrem sechzehnten Geburtstag, welcher bereits in drei Tagen stattfindet, überlassen muss. Wer zuerst fünf Seelen im Reich des Spiegels für sich gewinnen kann, dem soll sie gehören. Parnassus bereut bereits seine Entscheidung bitterlich, verheimlicht dies jedoch vor Valentina und ertränkt sich in Alkohol. Wie sollte auch seine schrullige Truppe, ohne jeglichen Geschäftssinn, innerhalb so kurzer Zeit fünf Seelen in das Traumland locken?

Doch da retten sie in einer düsteren Nacht einen gehängten Mann unter einer Brücke vor dem endgültigen Tod, der zwar an Gedächtnisverlust leidet und nicht einmal mehr weiß, wer er überhaupt ist, sich aber als überaus geschickt darin erweist, neue Kundschaft anzulocken. Tony (Heath Ledger) nennen sie ihn und er scheint irgendein dunkles Geheimnis zu haben. Auch Mr. Nick interessiert sich offenbar für ihn, auch wenn niemand zu sagen vermag, weshalb genau. Der Wettstreit um die Seelen beginnt und es kommt schon früh zu den ersten dramatischen Zuspitzungen…

You can’t stop a story being told.

A Beautiful Mess

Das Kabinett des Doktor Parnassus hat in meinen Augen eine ganze Reihe von dramaturgischen und handlungsbezogenen Problemen. Er ist nämlich von Anfang bis Ende reichlich unrund und wirkt überaus inkonsistent, was aber natürlich auch an den schwierigen Produktionsbedingungen während der Dreharbeiten lag. Sieht man den Film zum ersten Mal, verweilt man zudem in einer wenigstens teilweisen Konfusion ob all der vielen Elemente in der Geschichte und weiß sie auch nicht so gänzlich in Einklang zu bringen. Man vermisst schlicht einen Fokus, eine durchgehende Stringenz.

So überbordend, fantasievoll und durchaus auch gewitzt viele Ideen sind, die zudem visuell beeindruckend umgesetzt werden, so wenig fügen sie sich in stimmiges Ganzes zusammen. Mehr denn je scheint es, als wäre Terry Gilliam über sich selbst gestolpert und mehr denn je ist es wohl ein Film, der den Schöpfer und seine Schöpfung selbst genau darin am Deutlichsten wiederspiegelt. Zudem sprach er auch mehrfach in Interviews davon, sich mit der Figur des Dr. Parnassus in seinen zügellosen Träumen und in seinem spektakulären Scheitern stark identifizieren zu können. Wobei gerade das auch schon eine Geschichte für sich erzählt ist und um das Erzählen von Geschichten geht es ja letztlich auch in diesem, seinem jüngsten Werk.

Trotzdem kann man sich oft genug dem visuellen Zauber und dem sichtbaren Spaß an der Sache nicht gänzlich entziehen. Selbst in seinen schwächsten Momenten bleibt eine Grundsympathie für den Film aufrecht, denn man merkt einfach, dass hier viel an Leidenschaft und Liebe von Regisseur Terry Gilliam selbst und dem ganzen Produktionsteam in Das Kabinett des Doktor Parnassus eingebracht wurde.

A miracle or a mistake?

Der Glanz des Ensembles

Der Cast muss bei einem solchen Film und besonders nach dem tragischen Tod des Hauptdarstellers natürlich gesondert erwähnt werden. Dr. Parnassus selbst wird vom so charismatischen wie erfahrenen Christopher Plummer, der seit fast 50 Jahren in so großen wie kleinen Filmen zu sehen ist. Allein Waterloo (1970), Star Trek VI (1991) und A Beautiful Mind (2001) seien hier erwähnt. Andrew Garfield kommt im Ensemble wohl am besten rüber, allein weil seine Figur noch die größte Konsistenz besitzt und sich auch entwickeln darf. Nach The Social Network (2010) wird er demnächst im Reboot der Spider-Man-Filme (ab 2012) den neuen Peter Parker verkörpern. Die durch ihre Model-Tätigkeit bekannt gewordene Lily Cole muss sich deutlich erst in ihren Charakter der Valentina hineinspielen, aber sie schafft es dennoch schnell ihren weit erfahreneren Kollegen auf Augenhöhe zu begegnen. Sichtlich froh über seine ausgefeilte Rolle ist Verne Troyer alias Percy, der im Film praktisch das gute Gewissen des Dr. Parnassus darstellt. Sonst ist er den meisten wohl lediglich als stummer Mini-Me aus der Austin Powers-Reihe (1997-2002) geläufig.

Ein Besetzungscoup für sich ist der wohl weithin bekannte Sänger, Komponist und Autor Tom Waits (auch oft und gerne als Darsteller in Filmen wie Down by Law, König der Fischer und Bram Stoker’s Dracula zu sehen) als Mr. Nick. Ganz wunderbar ist seine Performance des Teufels, die so viel Verschlagenheit wie Schrulligkeit in sich hat. Dabei muss sogar diese Figur vor dem modernen Geschäftsmann, der die Wahrheit für sich in absoluter Beliebigkeit stets neu zu formen vermag und dessen üble Machenschaften für niemanden greifbar erscheinen, kapitulieren.

Schließlich ist es auch Heath Ledger selbst, der hier noch ein letztes Mal zeigen kann, dass er zu den besten Darstellern seiner Generation gehörte. Auch wenn er hier zwar nicht an die Genialität seines Jokers in The Dark Knight (2008) heranreichen kann, so porträtiert er das subtile Böse in der Gestalt des ehrgeizigen Mannes von Heute in gelungener Weise und fügt sich zudem stimmig in das gesamte Ensemble ein. Kurz nach den abgeschlossenen Dreharbeiten in London verstarb er schließlich auf tragische Weise. Innerhalb von nur wenigen Tagen zeigten aber mehrere Hollywood-Größen eine bis dato nie dagewesene Solidarität und Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell verkörperten Tony in den Traumsequenzen jenseits des Zauberspiegels. Möglich wurde dies auch durch einen Drehbuch-Kniff, indem das Äußere des Charakters sich dort stets veränderte. Alle Drei vermögen das Spiel von Heath Ledger weiterzuführen, aber es ist besonders Johnny Depp, der ihn fast auf unheimlich stimmige Weise neu zu fassen vermag.

Nothing is permanent, not even death.

Fazit von Spenz

Wie gern würde ich hier schreiben können, dass das Das Kabinett des Doktor Parnassus Terry Gilliams bisher bestes Werk ist, aber leider verweilt man nach der Beschauung mit einem deutlich enttäuschenden Gesamteindruck und mit einer leichten Konfusion. Zu unfokussiert, zu wenig stringent, zu wirr ist der Handlungsverlauf. Zu unrund zusammengefügt wirken all die vielen Elemente, seien es die durchaus tollen Ideen oder der ständige Wechsel zwischen den Welten samt einer Reihe von Rückblenden. Denn ansonsten wäre ja mit der überbordenden Fantasie in allen Bildern, mit dem tollen Cast und viel Originalität und etwas Witz ja alles vorhanden, was einem einen schönen und kurzweiligen Film-Abend bescheren könnte. Aber hier ist eindeutig der Schöpfer an sich und seiner Schöpfung gescheitert.

Ich kann Das Kabinett des Doktor Parnassus somit nur all jenen empfehlen, die entweder ganz große Terry Gilliam-Fans sind oder sich den Film bewusst ein zweites Mal anschauen, denn dann wirkt er tatsächlich um einen deutlichen Tick besser, weil man schlicht mehr verstanden hat und die Inkonsistenz durch den bereits vorhandenen Gesamteindruck größtenteils entfällt. Und volle drei Sterne bekommt diese holprige Fantasie mit hübscher Optik nur deshalb, weil ich Sympathie für Terry Gilliam hege, Tom Waits als Teufel einfach ein Spaß für sich ist und weil Heath Ledger hier sein letztes schauspielerisches Vermächtnis zum Besten gibt.

 

Blu Ray-Extras:

Kurz gesagt, die gesamte Ausstattung könnte besser und reichlicher nicht sein. Mit Trailern, Entfernten Szenen, mehren Doku-Features, Einblick in die Schaffung der Spezialeffekte, diversen Interviews und sogar Aufnahmen von den Film-Premieren rund um den Globus ist das Inventar der Special Features größer als bei den meisten anderen DVDs oder Blu Rays. Hinzu kommt noch ein ganz wunderbares, witziges und höchst informatives Audiokommentar von Terry Gilliam selbst, nach dessen Anhörung man Das Kabinett des Doktor Parnassus einfach doch ein wenig mehr mögen muss.

  • Also mir hat er AUSSERORDENTLICH gut gefallen. Würd ihm 5/5 geben, weil er mich zu einer wunderbaren Phantasiereise mitgenommen hat, die mich tief berührt hat. Gilliam ist ein unikat. Fast schon der einzige seiner Art.

  • Ja, eh… Gilliam ist definitiv ein Unikat. Und eigentlich müssten alle seine Filme allein schon dafür die höchsten Bewertungen bekommen, weil er sich noch zu träumen traut im Filmbusiness. Aber trotzdem holpert für mich gerade diese Produktion, bei aller Leidenschaft und Liebe, die offensichtlich darin steckn, doch etwas zuviel…