Inland Empire

Inland Empire

Unlängst… war ich im Wiener Gartenbau Kino und habe mir INLAND EMPIRE kurz nach dem Premierenstart in Österreich angesehen. Geschaffen wurde dieses cineastische Werk vom so genialen wie verstörenden Meister des surrealen und unheimlichen Films, nämlich David Lynch, der natürlich von mir praktisch grenzenlos verehrt wird. Mit all seinem bisherigen Schaffen konnte er mich mehr als nur überzeugen, vielmehr faszinieren und begeistern: Eraserhead (1977), Der Elefantenmensch (1980), Blue Velvet (1986), Twin Peaks (1990-1991), Lost Highway (1997) und Mulholland Drive (2001) um nur einige zu nennen. Ich halte ihn für einen der größten Künstler unserer Zeit. In das Kino bin ich primär auch deshalb gepilgert um endlich einmal einen Lynch auf der großen Leinwand zu sehen, ja zu erfahren. INLAND EMPIRE hat übrigens deshalb so viele Großbuchstaben, weil es der Meister so will.

”I’m a whore. Where am I? I’m afraid”

Der ganz normale Alptraum aus dem finsteren Lynch-Universum

INLAND EMPIRE ist fast unverdaulich, macht es einem schwer, lässt einen zappeln. Mehr noch als bei allen seinen bisherigen Filmen muss man diesen Lynch mögen, wenn nicht gar lieben, um überhaupt etwas mit diesem rauschenden Alptraum auf Zelluloid anfangen zu können. Und man muss sich in jedem Fall auf ein Werk wie dieses einlassen wollen, wenn nicht gar zwingen. Nur oberflächlich, nur nebenbei her konsumiert ist gelinde gesagt unmöglich, beziehungsweise es verbietet sich von selbst. Es sei auch gesagt, dass man hier ziemlich allein gelassen wird und irgendwo zwischen undefinierbaren, unerklärlichen, verwirrenden und beängstigenden Sequenzen hängen bleibt und fast nach einer stringenten Handlung zu flehen beginnt. Das ist zwar so neu nun auch wieder nicht bei Herrn Lynch, sondern vielmehr bewusster und bestimmender Teil der Kunst desselbigen, aber hier strapaziert er das Dogma der Haltlosigkeit bis zum Äußersten. Arge Wackel-Kamera und rauschendes Bildtexturen inklusive. Volle drei Stunden dauert es. Willkommen im freien Fall…

”The Evil was born and followed the boy…”

Der weitere Irrsinn und die Brotkrumen einer Handlung

INLAND EMPIRE lässt einen aber der ersten Sequenz gleich mal fröhlich in den ganz normalen Wahnsinn abgleiten. Eine Dialogsequenz in polnischer Sprache mit einer Hure und ihrem Freier, ihre Gesichter hinter einem verwaschenen Fleck verborgen… Dann sieht man sogleich die später sich mehrmals wiederholende Sequenz einer bizarren Sitcom, in der die Charaktere in Hasenkostümen stecken und ein Publikum aus dem Off zu den unmöglichsten Stellen lacht… Eine junge Frau betrachtet einen rauschenden Fernseher und weint… Alles wirkt zusammenhangloser, irrsinniger und verstörender denn je. Willkommen bei David Lynch

Glücklicherweise lässt uns Lynch storymäßig dann doch nicht ganz verhungern (zumindest vorläufig) und präsentiert uns einen mehr oder weniger ‘gewöhnlichen’ Handlungsstrang, freilich versetzt mit verstörenden Elementen und unheimlichen Vorzeichen. Die Schauspielerin Nikki Grace erhält die Hauptrolle in dem Film ‘On High in Blue Tomorrows’, mit dem sie ihr internationales Comeback schaffen will. Wie sich herausstellt handelt es sich allerdings um ein Remake eines unvollendeten Streifens mit dem Titel ’47’, der aufgrund der Ermordung der beiden Hauptdarsteller dereinst unmöglich fertig abgedreht werden konnte. Immer mehr und mehr beginnen sich Fiktion, Wirklichkeit und Vergangenheit miteinander zu vermischen. Nikki scheint immer weniger sie selbst zu sein, verliert sich in ihrer Rolle und im grauenvollen Schicksal der einst ermordeten Darstellerin…

”There are consequences to one’s actions. And there certainly would be consequences to wrong actions. Dark they would be, and inescapable.”

Auflösung, Verlorenheit und Erlösung

Tja und irgendwann relativiert sich dieser Ansatz einer Handlung völlig und alles, wirklich alles ist in steter Auflösung begriffen. Ort, Zeit, Figuren wechseln von Sequenz zu Sequenz. Immer verstörender werden die Bilder, immer zusammenhangloser wirkt die (un)willkürliche Aneinanderreihung von Szenen, die phasenweise einen Sinn ergeben und dann doch wieder nicht. Der Sog zieht einen hinab, lässt einen erschauern, lässt einen verloren und verwirrt zurück… Kaum verfolgt man gespannt einen besonders intensiven Moment wird dieser von einer Sekunde auf die andere komplett relativiert. Immer wieder, nur um einen dann doch wieder einen kleinen Hinweis zu geben, eine Botschaft, die uns weiter daran nagen lässt was denn zum Teufel das alles soll.

Ein Wechselbad der Gefühle in jedem Fall. Gerade anfangs habe ich mich etwas gelangweilt. Typische ‚lyncheske‘ Muster treten im bekannten Schema wieder auf. Dann beginnen langsam die Szenen intensiver zu werden und man lässt sich schließlich doch ganz darauf ein. Die ersten Schauer laufen einem über den Rücken. Ich wollte phasenweise gar nicht hinsehen auf die Leinwand (was übrigens ein wirklich guter Horror-Film bei mir öfter auslöst), so bedrohlich und unheimlich erschien es mir. Dann ärgerte ich mich wiederum, weil Lynch einen komplett hängen lässt und offenbar nichts einen Sinn ergibt. Und dann wieder Momente perfekter Schönheit, unglaublich dichte Lichtstimmungen, enorme Emotionen… Gewalt, Sex, Irrsinn, Horror, Humor und immer wieder neue Abgründe…

Und am Ende? Lynch gewährt dem Zuschauer nach ganzen drei Stunden doch so etwas wie Erlösung, auch für die Charaktere. Licht, Musik, Tanz… Der Abspann beschließt den irren Trip und lässt einen in einer seltsamen Zwischenstimmung zurück. Was war das überhaupt? Was sollte, ja was will INLAND EMPIRE denn sein? Noch eine halbe Stunde nach dem Verlassen des Kinosaals konnte ich noch die letzten Spinnweben des Films im Kopf spüren, wie kurz nach dem Aufwachen, wenn man sich gerade noch an die letzten Fetzen eines irrealen Traums erinnert.

”Some men change. Well, they don’t change – they reveal. They reveal themselves over time, you know?

Figuren und Klänge

Es seien hier noch die Darsteller erwähnt, allen voran Laura Dern, die hier wohl die beste Leistung ihrer Karriere darlegt. Wie sehr oft in Lynch-Filmen gibt er einer Figur wie dieser unglaublich viel Raum und treibt die Aktuerin selbst gleichzeitig zu immer größeren Höhenflügen an. Alle anderen Charaktere, anfangs noch präsenter, wie die Figur des Regisseurs, dargestellt von Jeremy Irons, treten dabei immer mehr in den Hintergrund, verblassen beinahe, selbst schauspielerisch. Trotzdem wirkt jede Rolle bis ins Letzte optimal besetzt. Kleine Gastauftritte gibt es zudem von anderen, wohl auch recht bekannten Darstellern wie William H. Macy oder Julia Ormond.

Die Musik freilich trägt enorm zum Erlebnis INLAND EMPIRE bei. Immer perfekt eingespielt um den Moment der Emotion zu verstärken oder überhaupt zu hervorzurufen. David Lynch und sein langer Weggefährte Angelo Badalamenti zeigen hier erneut ihr unglaubliches Gespür für szenische Intensität, getragen von Musik.

”I’ll show you light now. It burns bright forever. No more blue tomorrows. You on high now, love.”

Fazit von Spenz

INLAND EMPIRE ist definitiv eine verstörende Filmerfahrung, im besten Sinne. Ein wirrer Ausflug, eine abgründige Reise. Selten habe ich derart intensive Gefühle bei einem Werk dieser Art entwickelt. Vergleichbar für mich lediglich wie nach der ersten Betrachtung von Akira, dem Erleben von Tetsuo – The Iron Man oder eben auch Eraserhead, Lynchs Erstlingswerk. INLAND EMPIRE ist Kino pur. Ein cineastisches Destillat. Die reine Essenz dessen, was Kino ist.

Ansehen? In jedem Fall, vorausgesetzt man will sich auf derlei überhaupt einlassen. Ob man mit einem derartigen schwer zugänglichen Werk wirklich etwas anfangen kann, ist freilich eine andere Frage. Ich war frustriert und fasziniert, angezogen und abgestoßen zugleich. Aber am Ende blieb verstörte Begeisterung und die Gewissheit, den Film wohl mindestens noch einmal anzusehen um die Spurensuche nach der verborgenen Struktur dahinter fortzusetzen. Ein Meisterstück alleine deshalb von David Lynch, weil ich selten von derlei vielen Emotionen ergriffen war, von der Verlorenheit über den Horror bis hin zur letztlichen Erleichterung ob des Endes… All dies auszulösen vermögen wohl nur wirklich wahrhaftige Künstler.

So nebenbei möchte ich noch bemerken, dass ich hier zwar ein ‘offizielles’ Rating für den Film vergebe, aber eigentlich müsste man jede Szene einzeln von INLAND EMPIRE beurteilen und Sterne von 1 bis 5 verteilen oder am besten gar keine… Daher die 2,5 als lächerlicher Kompromiss…

Der viel zu lange Nachtrag mit interpretativen Kopfgeburten

Und die Erklärung? Der Sinn? Die Bedeutung? Eine Auflösung werde ich wohl kaum hervor stammeln können. Einen Versuch aber allemal. Wer sich das ersparen möchte und lieber den Film ganz und gar für sich selbst interpretieren möchte, der möge eben nicht weiterlesen…

Ausgehend von der scheinbaren Wirklichkeit, also “unsere Realitätsebene” (des Alltags, der Logik, des menschlichen Begreifens, der symbolischen Ordnung… wobei genial von Lynch dass das an sich für uns Vertraute in Form eines erkennbaren und begreifbaren Handlungsstrangs, eben jene vertraute symbolische Ordnung, darstellt die aber wiederum durch die scheinbar wirre Aneinanderreihung folgender alptraumhafter Szenen, die wiederum für den Einbruch des Realen stehen, formal aufgelöst wird) repräsentiert durch das “normale” Story-Fragment am Anfang erscheint mir die Handlung folgendermaßen: Die Schauspielerin Nikki Grace wird anfangs von einer Art Wahrsagerin (siehe auch Log Lady bei Twin Peaks) vorgewarnt, vermutlich aber in einem Traum. Sie wird während der Dreharbeiten zum Remake des Films vom Fluch erfasst, der auf der Geschichte, die wiederum auf einer alten Sage basiert, lastet. Dabei transformiert sie mehr und mehr zu jener Frau, die dereinst ermordet wurde. Sie kann zwischen Film, Wirklichkeit und einem vergangenen, brutal beendetem Leben nicht mehr unterscheiden, muss vielmehr selbiges selbst durchleben. Eine Art von Besessenheit durch den Geist oder das Schicksal einer Toten. Sie sieht Dinge der Vergangenheit aus verschiedenen Blickwinkeln, wandelt auf verschiedenen Ebenen der Zeit und verliert sich auch in ihrem eigenen, wahnsinnig gewordenen Geist. Dabei wird sie sowohl von den Gespenstern der Ermordeten verfolgt als auch von einer “sterblichen Abgesandten” schließlich sogar getötet (oder auch nicht). Sie gelangt sogar in die Zwischenwelt (siehe auch Red Room bei Twin Peaks), wo andere verlorene Seelen wandeln. Diese sind, so denke ich, getötete Prostituierte die über viele Jahre hinweg von einem (oder wohl eher mehreren) Freier ermordet wurden. Selbiger ist wiederum von einem alten Dämon besessen (siehe auch Bob bei Twin Peaks). Nikki wurde eigentlich dazu auserwählt, jene Frau zu befreien, die während der Dreharbeiten ermordet wurde. Eine Mutter und eine Ehefrau, deren Ehemann vom obig genannten Dämon in Besitz genommen wurde. Zudem herrscht eine Art Untergrundkampf zwischen Abgesandten des Dämons (bzw. Angestellte, die völlig unwissend sind) und dessen Widersacher, unter anderem alte Männer, die Kontakt zu Geistern aufnehmen können (ein Geheimbund aus dem Untergrund). Am Ende gelangt Nikki mit Hilfe eines “guten Geistes” (oder vielleicht auch Wächterengels… reine Spekulation), der eventuell ein Doppelspiel mit dem Dämon treibt, in das Reich des Bösen (wieder der Red Room… die Farbe rot wird im Film mehrmals in einem negativen Zusammenhang erwähnt). Ihr gelingt es ihn zu besiegen bzw. zu erschießen und befreit somit die gefangene Frau, die wieder nach Hause zu ihrem Sohn und ihrem Mann zurückkehren kann. Nikki wird dabei auch erlöst und ebenso die anderen ermordeten Opfer (wenn man jetzt auch den Abspann mit einbezieht).

Alles in allem im Grunde eine Fantasy/Horror-Story, allerdings keineswegs so platt wie man vielleicht in vorgefertigten Genreklischees denken würde, sondern vielmehr veredelt, mystifiziert, entfesselt, versetzt, verzerrt… die mythologischen Grundstrukturen sind jedoch meiner Meinung nach deutlich zu erkennen. Letztlich geht es wohl um den Ur-Mythos des Helden, der auszieht um den Drachen/den Dämon zu besiegen, allerdings angesiedelt in einem Inneren Reich des Geistes, den tatsächlichen Abgründen im Traum und in der Fantasie… Ebenso innerhalb der konstruierten und scheinhaften Wirklichkeit gegenüber der mythischen Gegenwelt, die in ihrem realen Entsetzen immer wieder über uns hereinbricht. Sie löst alles auf, lässt uns verstört zurück und nur wer den Drachen, der in Höhle lauert, tötet kann sich und die Seinen befreien. Der Pfad zum höllischen Ort des herrschenden Ungetüms, des seelenfressenden Dämonen, liegt verborgen in der Dunkelheit. Hinter Spiegeln, die unsere eigentliche Existenz offenbaren und in denen wir uns selbst sehen müssen, lauert der ewige Abgrund aus dem das Klagelied der gefallen Geister hervor schallt. Wenn wir nicht Acht geben und stolpern, wenn wir vom Wahnsinn zerfressen werden oder unsere eigenen Handlungen zur Verdammnis führen, dann sind auch wir Gefangene des Drachen und es gibt kein Entrinnen. Doch Hoffnung und der Weg zur Erlösung bestehen stets fort…

PS: In der Abspannsequenz sieht man kurz eine der Hauptdarstellerinnen von Mulholland Drive. Dies verweist auch darauf, dass Lynch INLAND EMPIRE als Pendant zu diesem Film sieht. Überhaupt vielleicht mit Lost Highway eine ganze Trilogie.