Into the Wild

Into the Wild

Unlängst… habe ich mir im TV das Aussteiger-Drama Into the Wild aus dem Jahre 2007 zu Gemüte geführt. Der Film ist mir in der Vergangenheit desöfteren mal in diversen Artikeln oder in äußerst positiven Kritiken untergekommen, was natürlich meine Neugier geweckt hat. Hinzu kommt noch, dass für Regie und Drehbuch das Hollywood-Multitalent Sean Penn verantwortlich war, der ja bekanntlich in mehrfacher Hinsicht, aber im Besonderen auch als Schauspieler, künstlerisch überzeugt.

Dabei agiert er sowohl in seinen Rollen als auch öffentlich in bewusst politischer Weise. Beispielhaft für seine Virtuosität und Eindringlichkeit sowie sein gesellschaftliches Engagement ist sicherlich seine Performance in Dead Man Walking von 1995. Der filmische Appell gegen die Todesstrafe erhielt mehrere Auszeichnungen und Sean Penn wurde dafür auch mit dem Hauptrollen-Oscar nominiert. Zweimal bekam er ihn schließlich auch: 2004 für Mystic River und 2008 für Milk.

Into the Wild ist nunmehr seine fünfte Regie-Arbeit. Dieser erzählt die Geschichte von einem jungen Mann, der in der Einsamkeit der Welt Antwort und Sein sucht.

“There is pleasure in the pathless woods…”

Das weite Land…

Erstmals ist wichtig festzuhalten, dass der Film auf einer wahren Begebenheit beruht, die vom Autor Jon Krakauer im Buch ‚In die Wildnis‘ festgehalten wurde. Die faktischen Grundlagen dürften bei Umsetzung für die Leinwand in weiten Teilen berücksichtig worden sein, was besonders deutlich wird in den vielen Zitaten (auch aus schriftlichen Aufzeichnungen) und in der chronologischen Darstellung der Ereignisse. Fiktionalisierung und Interpretationen geschehen selbstverständlich reichlich, besonders in den Dialogen, der Figurenzeichnung und dem Geschehen in totaler Einsamkeit.

Erzählt wird in Into the Wild die Geschichte von Christopher McCandless, einem 22jährigen Studenten, der dank wirtschaftlich erfolgreicher Eltern finanziell reich begütert ist und seine Ausbildung in Geschichte und Anthropologie gerade äußerst erfolgreich abgeschlossen hat. Obwohl ihm daher einer großen Karriere nichts im Weg steht, beschließt er fortan als Aussteiger zu leben. Er spendet all seine Ersparnisse und macht sich ohne dem Wissen seiner Familie mit dem Rucksack auf, um unter dem Namen ‚Alexander Supertramp‘ die Welt zu erfahren. Seine Reise geht quer durch alle Bundesstaaten bis weit in den Süden nach Mexiko und dann wieder gen Norden. Mit kleineren Nebenjobs verdient er gelegentlich etwas Geld, während er natürlich auch zahlreichen Menschen begegnet, die er neu inspiriert oder die seinen Lebensweg in vielen Dingen beeinflussen.

Die absolute Einsamkeit sucht und findet er schließlich in Alaska, wo er über Monate hinweg in einem zufällig gefundenen, ausrangierten Bus sein Dasein verbringt. Nach der Schneeschmelze verhindert allerdings ein stark angestiegener Fluss Christopher McCandless‘ Rückkehr in die Zivilisation. Aufgrund einer Pflanzenvergiftung verstirbt er schließlich an den Folgen von körperlicher Erschöpfung. 1992 fanden Elchjäger seinen Leichnam in dem von ihm so benannten ‚Magic Bus‘.  

“Rather than love, than money, than faith, than fame, than fairness… give me truth.”

Was ist der Mensch?

Into the Wild kann man vermutlich platt und oberflächlich betrachtet eine ganze Menge an Hippie-Naivität und Aussteiger-Romantik ohne Bedenken der Konsequenzen dieses nicht ungefährlichen und nicht unproblematischen ‚Lebensstils‘ (wenn man es denn so nennen will) vorwerfen. Wobei in der Motivation der filmischen Haupt-Figur sehr deutlich wird, dass damit oftmals ein schwieriges Schicksal sowie eine problematische Familiengeschichte (man muss wohl immer mit den Lügen der Eltern fertig werden oder gar ihre Verfehlungen selbst nochmals erneut verarbeiten) eine wesentliche Rolle spielen, die eine Person fast zwingend zu einem zivilisatorischen Außenseiter werden lassen.

Umso mehr noch ist es die Geschichte eines jungen Mannes, der die Verlogenheit, die zerstörerische Gewalt und Irrtümer (z.B. Karrierismus) des westlichen, sozioökonomischen Systems erkennt und auf seine Weise dagegen protestiert. Dass er dabei zudem existenzialistische Fragen stellt und nach Antworten sucht, die den Menschen an sich und das Sein selbst betreffen, ist nicht nur konsequent, sondern in seiner Persönlichkeitsentwicklung bestimmend. Dass er dabei auf seinen Reisen aber auch enorme Risiken eingeht und wohl mehrfach sein Leben aufs Spiel setzt, mag man als durchaus gefährlich naiv sehen, aber niemand hat jemals behauptet, die Selbstfindung hat stets innerhalb aller komfortabler Sicherheiten unserer Zivilisation stattzufinden.

Letztlich wird filmisch eine Erlösung von Christopher McCandless angedeutet, die man wohl aus seinen schriftlichen Aufzeichnungen herauslesen kann und schlicht in seinem Versuch erkennen mag, die Wildnis wieder hinter sich zu lassen. Sein tragischer Tod am Ende passiert einerseits sicherlich aus einer gewissen Dummheit und verträumten Naivität ohne Risikobewusstsein heraus, aber andererseits hat dieser junge Mann vielleicht tatsächlich mehr für sich gefunden und erkannt, als Andere in einem so langen wie geschönten und heuchlerischen Leben jemals erfahren werden. Ob es den Preis wert war, ist wohl eine andere Frage.

“Some people feel like they don’t deserve love.”

Sean Penn kann es und die Anderen auch…

Auch wenn Sean Penn bei Into the Wild ‚nur‘ für Regie und Drehbuch verantwortlich war und den geneigten Zuschauer nicht mit einer weiteren wundervollen darstellerischen Performance von ihm beeindruck wird, so kann man ihm ohne Zweifel gänzlich bescheinigen, dass er sein Handwerk hinter der Kamera auch beherrscht. Dies zeigt sich im Besonderen in den vielen großartigen Landschaftsaufnahmen (meist untermalt von einem mehr als nur passenden Soundtrack übrigens), die die Stimmung im Film wesentlich prägt. Die unermessliche Weite der Natur, besonders im kalten Norden Alaskas, ist sicherlich das visuelle Herzstück dieses Werks.

Aber auch die zwischenmenschlichen Momente sind gekonnt und mit der notwendigen Sensibilität in Wort und Bild in Szene gesetzt. Dass auch noch eine Reihe von hochklassigen Schauspielern, die gewisslich für einen Bruchteil ihrer üblichen Gagen spielten, auftritt, überrascht beim großen Namen Sean Penn wenig. William Hurt (für A History of Violence mit dem Nebenrollen-Oscar nominiert), Vince Vaughn (hauptsächlich für viele Komödien wie Voll auf die Nüsse bekannt) und Catherine Keener (alleine schon in Being John Malkovich und Capote großartig) seien hier stellvertretend genannt.  Zudem hat die hier noch sehr junge, uns allen inzwischen aus den diversen Twilight-Episoden bekannte, Kristen Stewart eine kleine, wiewohl nicht unwesentliche Nebenrolle erhalten.

Der ansonsten in Hollywood etwas unauffällige Emile Hirsch (The Girl Next Door, Speed Racer) verkörpert Christopher McCandless glaubhaft und sieht ihm physisch sogar sehr ähnlich. Sein so zurückhaltendes wie nuanciertes Spiel überzeugt, wenn ihm vielleicht letztlich doch eine gewisse Intensität fehlt.

“Happyness is only real, when shared.”

Fazit von Spenz

Into the Wild hat mir als Film insgesamt sehr gut gefallen. Die auf einer tatsächlichen Biografie beruhende Geschichte nimmt einen durchaus gefangen, alleine schon aufgrund des Schicksals der Hauptfigur. Handwerklich und formal überzeugt Sean Penn gänzlich, vor allem weil es ihm gelingt, sich auf die leiseren, zwischenmenschlichen Töne in sensibler Weise zu fokussieren. Dass dabei auch große Schauwerte mit fantastischen Landschaftsaufnahmen präsentiert werden, beeindruckt einen als Zuschauer natürlich auch. Wobei hie und da habe ich mir etwas mehr an Intensität, etwas mehr an Raum für die Nebenfiguren und einen etwas bessereren Rhythmus gewünscht.

Eine gewisse, vielleicht etwas zu sehr betonte Romantisierung des Außenseiter-Daseins mag man dem Film vielleicht auch vorwerfen können. Aber viel mehr noch geht es für mich in Into the Wild um einen jungen Mann, der sich mehr als berechtigt Fragen der Existenz und des Menschseins stellt, seine familiäre Vergangenheit aufzuarbeiten versucht und letztlich auf der Suche nach dem persönlichen Glück in die Weite der Welt entflieht, um gänzlich zu sich zu kommen. Diese Sehnsucht, dieses Streben dahinter bewegt uns alle und daher werden Filme wie dieser immer wichtig, immer bedeutungsvoll sein.

Weitere Informationen

Themen:
  • Ich finde den FIlm auch sehr gut, Den Film hätte ich einen halben Stern mehr gegeben. 😉
    Aber sonst alles gut geschrieben. *daumenhoch*

  • In jedem Fall ein sehr guter Film, ja. Das mit der Sternchen-Vergabe ist wiewohl immer ein wenig schwierig. Obwohl ich lange darüber grüble, bin ich mir im Nachhinein nicht bei jeder Bewertung sicher, ob die wirklich ewig und unveränderlich passt für mich, meinen soweit als möglich objektiven Denkansatz dabei eingerechnet selbstverfreilich. Wobei 3 1/2 für mich schon ein sehr guter Film an sich ist…

  • aniak

    wo soll ich beginnen?
    es gibt so viel über diesen film zu sagen und doch spricht er für sich selbst. für mich, als “alaska-verliebter” und outdooraktivist sind natürlich schon die wundervollen naturlandschaften umwerfend.
    zudem ist so viel menschliche schönheit in diesem film-und das inmitten eines landes, das vor allem für seine oberflächlichkeit bekannt ist.
    der film zeigt nicht ein verfälschtes bild der usa, er zeigt vielmehr das wahre gesicht des “einfachen amerika”, so wie ich es nicht nur in alaska, sondern auch andernorts in den usa erleben durfte.
    die menschliche tragödie des christopher mccandless ist eine, die dem betrachter nahe geht, ob im film oder im buch. und das vielleicht beängstigende oder vielleicht schöne ist, dass in allen von uns ein chris mccandless steckt