Kidnapped

Kidnapped

Wer häufig in Filmforen unterwegs ist oder sich stets nach neuen Skandalfilmen erkundigt, wird jetzt wahrscheinlich wissen, worum es hier geht. Nämlich um realistischen und hautnah angelegten Psychoterror.

Auch wenn das Home-Invasion-Genre ein eher seltenes Phänomen ist, so ist es dennoch seit längerem populär. Spätestens seit Sam Peckinpahs Straw Dogs – Wer Gewalt sät kann man sich in den eigenen vier Wänden nicht mehr sicher fühlen. Zuletzt lehrte auch David Fincher dem Mainstream das Fürchten, als er Jodie Foster und Kristen Stewart im Panic Room einsperrte. Das beste Beispiel bleibt jedoch Funny Games, welchen Michael Haneke 1997 in Österreich drehte. Bis heute schockt uns dieser provokante Independentfilm und lässt mich beim Erklingen eines Wiener Akzents zusammenschrecken.

Ein weiterer Film dieser seltenen Gattung wurde zu Beginn diesen Jahres in Spanien veröffentlicht und trägt den Titel Kidnapped (Original: Secuestrados).

Im neuen Heim

Man stelle sich vor, man bezieht ein neues Haus, welches aufgrund des enormen eigenen Vermögens auch sehr üppig ausfällt. Man ist zwar glücklich mit den zahlreichen Räumen, der schönen Einrichtung und dem hauseigenen Pool, hetzt die Möbelpacker aber dennoch ungeduldig durch den Flur. Am Ende des Tages möchte man ja in Ruhe mit der Familie essen und auf einen erfolgreichen Tag zurückblicken können. Aber plötzlich durchbrechen maskierte Einbrecher die Tür und der ruhige Abend wird zum Höllentrip.

Während der Vater mit einem der Männer von Geldautomat zu Geldautomat fährt, erleben Mutter und Tochter daheim den blanken Terror.

Mitten drin

Secuestrados spielt mit den Ängsten des Zuschauers und stürzt ihn mittels der langen Kamerafahrten und der Minimierung der Schnittfrequenz auf nur 12 Schnitte (!!!) mitten in das tragische Geschehen. Besonders realistisch wirken dabei die Darsteller, welche das Bild oftmals mit ihrer Mimik durchbohren und die Verzweiflung glaubwürdig machen. Bis zur letzten Sekunde fiebert man mit den Figuren mit und die Tragik der Situation wird an keiner Stelle durch unnötige Gewalt überschattet oder unglaubwürdig gemacht. Stattdessen geht Regisseur Miguel Ángel Vivas der Gewalt lange Zeit aus dem Weg. Dadurch kann beim Zuschauer eine gewisse Spannung erhalten werden. Schließlich entlädt sich diese jedoch in unbeschreiblich grausamen Darstellungen. Bis zum letzten Drittel von Kidnapped bahnt sich die Härte nur an und bis fünf Minuten vor Schluss bleibt sie stets erträglich. Alles was dann folgt, schockiert zutiefst.

Was ebenfalls viel vom Zuschauer fordert, sind die hektischen Splitscreen-Passagen. Hier passieren auf beiden Seiten des Bildschirms gleichzeitig Dinge, die man parallel zu sehen versucht, was genau die Aufmerksamkeit fordert, die der Film verdient. Jede der im Film zu sehenden Aufnahmen dauert fast zehn Minuten an. Teilweise geschehen dabei viele Dinge, welche viel Aufwand und Vorbereitung erfordern. In den Szenen klappt jedoch immer alles und es ist mir bis jetzt ein Rätsel, dass niemals ein Schatten der Kamera oder ähnliches zu sehen ist.

Logikfehler und Klischees

Man müsste Kidnapped natürlich vorwerfen, dass er sich der Gewalt im größtmöglichen Maße bedient, um sein Ziel zu erreichen. Wobei ich dazu sagen muss, dass er sein Ziel erreicht. Er erzeugt Angst und all die Brutalität macht ihn kontrovers. Genau darauf zielt er ja bei den Zuschauern auch ab. Was man ihm stattdessen vorwerfen muss sind die wenigen aber auffälligen Logikfehler. Beispiele gefällig?

Es heißt, der Entführer des Familienvaters könne ihn nicht zum Automaten begleiten wegen der Kameraüberwachung. Am nächsten Geldautomaten stellt er sich dann jedoch dazu. Schalteten sich alle Überwachungskameras innerhalb dieser 15 Minuten aus?

Die einführende Szene des Films zeigt einen gefesselten Mann, der orientierungslos vor ein Auto läuft. Also wartet man den Film über darauf, was es mit ihm auf sich hat. Doch erfährt nicht mehr darüber. Natürlich ist diese Aufnahme klasse gemacht, aber sie verwirrt den Zuschauer leider und trägt zum Gesamteindruck nichts bei.

Außerdem sind die Figuren sehr klischeebeladen. So ist die Tochter eine zickige Rebellin, die während der ganzen 90 Minuten niemals aufhört zu weinen und zu schreien. Dies lässt sich jedoch akzeptieren, da Manuela Vellés die Sache einwandfrei spielt. Aber dennoch fällt die Figur diesbezüglich mehrmals in gewisse bereits bekannte Muster. Am auffälligsten sind diesbezüglich die Einbrecher: da wären der Profi, der Psychopath und der Sanftmütige. Das ist nun wirklich das Rezept für spannungsgeladene Zwiespältigkeit unter den Kriminellen, das wir fast genauso schon bei Panic Room gesehen haben.

Fazit von Moviemax

Auch wenn es sich hier um keinen Funny Games handelt, so drängt einem die Kameraführung die Dramatik auf und lässt uns lange Zeit mit der scheinbar hilflosen Familie mit fiebern. Die dargestellte Gewalt ist zwar teilweise extrem, aber natürlich auch der Nähe zu den Figuren geschuldet. Ja, das rechtfertigt sie in gewisser Weise und meinen Gesamteindruck hat sie sogar sehr positiv beeinflusst.

Es wäre schade, wenn Kidnapped bei vielen Zuschauern nur als kranker Gewaltfilm in Erinnerung bleibt. Schließlich beinhaltet er sehr starke Schauspieler, inszenatorische Perfektion und technische Einmaligkeit, welche in einer der genialsten Splitscreen-Auflösungen mündet, wie wir sie in einem Film so vielleicht nie wieder sehen werden.

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