Memento

Memento

Christopher Nolan kann sich momentan kaum retten vor Lob. Er brachte das Batman-Franchise erfolgreich aus seinem Grab, präsentierte der Welt mit Inception, dass nicht alle Blockbuster reaktionär und stupide sein müssen und lieferte mit dem Remake Insomnia sowie dem Historien-Thriller The Prestige zwei Werke ab, die sein Können für komplexe Geschichten unterstrichen. Nach seinem Einstand im Independent-Bereich mit dem Thriller Following widmete sich der gebürtige Brite einer Kurzgeschichte welche sein Bruder Jonathan Nolan verfasste. Heraus kam der Thriller Memento, welcher hier im deutschsprachigen Raum zwar die Ehre hatte auf diversen großen Leinwänden zu laufen, dafür aber nur in ganz beschränkter Stückzahl.

Memento nur als Thriller zu bezeichnen wäre allerdings eine große Untertreibung für solch ein grandioses Werk. Der Film besitzt nicht nur eine ungewöhnliche Struktur sondern führt uns auf eine bitterböse Art vor Augen wie abhängig wir von unserem Gedächtnis sind und wie dunkel Geschichten darüber sein können.

“I always thought the joy of reading a book is not knowing what happens next.”

Der Anfang ist das Ende

Leonard Shelby (Guy Pearce) arbeitet als Versicherungs-Detektiv, als eines Nachts in sein Haus eingebrochen wird. Seine Frau stirbt bei dem Einbruch während Leonard, nach einem Schlag auf den Kopf, sein Kurzzeitgedächtnis verliert. Von nun an kann er sich nur noch an Dinge erinnern, die in etwa fünf bis zehn Minuten zuvor passiert sind. Danach werden selbst einfache Konversationen und sonstige Dinge zu verschwommenen Brocken in seinem Kopf, bis sie vollends aus seinem Gedächtnis verschwinden. Unter dieser Krankheit leidend, macht sich Leonard auf den Mörder seiner Frau zu fassen. Um sich an alles erinnern zu können tätowiert er sich alle relevanten Fakten,die er herausfindet, auf seinen Körper.

“My wife deserves vengeance. Doesn’t make a difference whether I know about it. Just because there are things I don’t remember doesn’t make my actions meaningless.”

Detektiv ohne Gedächtnis

Der eigentliche Plot erscheint auf den ersten Blick gar nicht so interessant oder clever zu sein, weil man vermutlich die übliche Thriller-Prämisse „Mann jagt Mörder“ erwartet. Umso mehr man aber in die Tiefen von Memento vorstößt, umso mehr realisiert man, dass dies kein gewöhnliches Genreversatzstück ist. Memento besitzt nämlich eine ungewöhnliche Struktur: er verläuft rückwärts. Natürlich läuft der Dialog nicht verkehrt herum, sondern der Ablauf der Szenen fängt beim Ende der Geschichte an. Das faszinierendste an dieser Art des Erzählens ist, dass diese kein Stück an Spannung wegnimmt, wie manch einer es vermuten würde. Um genau zu sein, bewirkt es genau das Gegenteil. Das Ende des Films und das Ende der Geschichte sind nämlich zwei ganz verschiedene Dinge. Abgesehen davon ist die Wahl dieser Erzählform nicht bloß ein billiger Trick, versetzt sie doch den Zuschauer in die gleiche Position wie Leonard. Wenn Menschen ihn ansprechen sind wir genauso ratlos wie er selbst. Haben wir jene Person schon mal getroffen oder nicht? Ob sie lügen, Leonard täuschen oder nur helfen wollen bleibt für uns sowie unseren verzweifelten Hauptdarsteller durchgehend im Dunklen. Man leidet und rätselt mit Leonard und diese Tatsache macht Memento unter anderem so faszinierend. Er bindet den Zuschauer regelrecht mit ein, sofern man sich darauf einlässt.

“We all need mirrors to remind ourselves who we are. I’m no different.“

Das Ende ist der Anfang

Memento zeigt uns in seiner Geschichte, wie abhängig wir von unserem Gedächtnis sind. Einfache Dinge welche für uns selbstverständlich sind, wie zu wissen welches Auto man fährt oder z.B. wo man wohnt, werden kompliziert. Einfach Zusammenhänge werden zu komplexen Rätseln und kleine Zettel mit Informationen und Polaroid-Fotos gehören plötzlich zu den wichtigsten Utensilien um zu überleben. All das zeigt der Film in kalten und zurückgehaltenen Bildern, welche nicht fesselnder sein könnten. Memento ist Thriller, Krimi und vor allen Dingen ein Film des Noir-Genres, was ihm aus jeder Pore sprießt. Ein desillusionierter Hauptdarsteller, undurchsichtige Nebencharaktere sowie eine pessimistische Weltsicht: die Merkmale des Film Noir sind unverkennbar. Trotzdem werden einem genug neue Zutaten geboten und nicht nur Genre-Klischees aufgewärmt. Nolan hat ein sehr gutes Gespür für Story sowie interessante Dialoge (Tarantino ist nicht der einzige) und balanciert darüber hinaus noch mit diversen Rückblenden und nie entsteht der Eindruck hier passe etwas nicht zusammen. Alles wie aus einem Guss!

Guy Pearce darf hier abermals zeigen was er kann und schafft das sehr bravourös. Man fühlt und leidet mit ihm. Carrie-Anne Moss und Joe Pantoliano runden den Supporting-Cast ab und überzeugen genauso wie der Rest der Darstellerriege.

“You don’t want the truth. You make up your own truth.”

Fazit von Tyler Fincher

Chris Nolan hat mit wenig Geld etwas ganz Großes geschaffen. Memento füttert auf der einen Seite die Arthouse-Ecke und auf der anderen diejenigen, die gerne einfach nur unterhalten werden wollen. Memento ist intelligent gemacht und bedarf einiges an Aufmerksamkeit beim ersten Ansehen ohne sich in seiner Struktur und somit die Geschichte aus den Augen zu verlieren. Klasse gespielt, brillant geschrieben und durchgehend spannend. Darüber hinaus spielt der Film mit den Erwartungen des Zuschauers, zeigt ihm wie sein Gedächtnis das eigene Leben kontrolliert und wie sehr diese Tatsache zu einem verstörenden Punkt gebracht werden kann. Kein Film den man beim Bügeln, Surfen oder sonstigen Nebentätigkeit schauen sollte. Man wird es nachher bereuen nicht aufgepasst zu haben.

  • Manche Filme verlassen sich so ganz auf ihr Ende – Shyamalan, Prestige, The Illusionist usw, das die nicht so lustig auf zweitem Blick aussehen. So viel Gedanken ist drin gesetzt, dass alles übriges ist nicht bemerkenswert. Dieser Film ist so eine angenehme Ausnahme – masterhafte Bearbeitung hält sein Interesse bis zum Ende und das Ende ist völling geil auch.