Prison Break – Staffel 1

Prison Break – Staffel 1

Nachdem ich, als Prison Break bei uns im TV lief, leider nur ein paar Folgen zu sehen bekam und es mir trotzdem immer im Hinterkopf geblieben ist, hab ich’s mir nun vor kurzem zu Gemüte geführt. Ich wurde in meinem anfänglichen Staunen bestätigt: Diese Serie (also zumindest einmal die erste Staffel) schlägt an Spannung vieles, was ich bisher sehen durfte.

Mit Prison Break hat Paul T. Scheuring etwas Neues geschaffen, denn was man normalerweise heutzutage so aus dem Mainstream-TV kennt, handelt ja meistens davon, wie Leute ins Gefängnis gebracht werden (CSI, NCIS, The Mentalist, etc.). Bei Prison Break passiert das genaue Gegenteil: Wie der Name schon sagt, wird versucht aus einem Gefängnis auszubrechen. Wo wir bei anderen Serien auf der Seite derer stehen, die das Gesetz ausführen sollen, sehen wir hier die Szenerie aus dem Blickwinkel der Verurteilten und Sträflinge. Eine erfrischende neue Perspektive, die man so aus einer TV-Serie noch nicht kennt.

“All I keep thinking, looking back onto this, I was set up.
I know whoever it was who set me up wants me in the ground as quickly as possible.”

Was bisher geschah

Unschuldig zum Tode verurteilt sitzt Lincoln Burrows (Dominic Purcell) in der Todeszelle der Fox River State Strafanstalt, Illinois. Alle Beweise sprechen dafür, dass er den Bruder der Vizepräsidentin kaltblütig erschossen hat. Trotz allem besteht er auf seiner Unschuld – und sein Bruder Michael Scofield (Wentworth Miller) glaubt ihm. Nachdem alle rechtlichen Möglichkeiten, Lincolns Strafe und das Urteil aufzuheben, erschöpft sind, schmiedet Michael einen komplizierten, ziemlich riskanten Plan, wie er Lincoln trotzdem das Leben retten kann – er will ihn aus dem Gefängnis befreien und so der US-Justiz entfliehen. Von außerhalb der Strafanstalt geht das schwer, also bringt er sich kurzerhand selbst ins Gefängnis.

Der ungewohnte und meist mystifizierte Schauplatz „Gefängnis“ spielt in Prison Break eine essentielle Rolle. Drehort ist dabei eine echte Strafanstalt, die nur wenige Jahre vor Drehbeginn geschlossen wurde. Man sieht es der Produktion an, dass es sich bei Fox River nicht um ein eigens dafür gebautes Set handelt und dies tut der Atmosphäre der Serie unglaublich gut. Beengt, heiß, trist, unberechenbar – solche Gefühle weckt die Szenerie. Dementsprechend reduziert und zugleich vielsagend sind die Aufnahmen der einzelnen Zellen.

In Anbetracht dieses, sich kaum ändernden Schauplatzes, ist es umso erstaunlicher, welche Spannung in jeder Episode aufgebaut und noch gesteigert wird. Man spürt es: Du sitzt in Fox River, und du kommst da nicht so schnell wieder heraus – du musst lernen, mit dieser Situation umzugehen. Eine bedrückende, bedrohliche und auch hoffnungslose Stimmung macht sich breit.

Ein besonders cooles Detail der Serie ist Michaels Tätowierung, die seinen gesamten Oberkörper und die Oberarme bedeckt. Sie enthält nicht nur die Baupläne des Gefängnisses, sondern auch Einzelheiten seines Ausbruchsplans. Abgesehen davon, dass sie absolut genial aussieht, helfen diese kleinen Fetzen an Information uns Zuschauern, die Reichweite des Plans zu erahnen. Offenbar hat alles was Michael sagt, zu wem er es sagt, was er tut und wann er es tut, irgendeinen Zweck für die Durchführung des Plans – immerhin steht ihm nur ein sehr knapp bemessener Zeitraum zur Verfügung. Dieses Tattoo ist ein sehr cooles Mittel, den Plot weiterzuführen.

Michael Scofield ist nicht einfach nur jemand, der seinen Plan ohne Rücksicht auf Verluste ausführt – er hat Schuldgefühle und gibt sich die Verantwortung für das, was seine Mitinsassen tun, weil er es ihnen ermöglicht. Mit zunehmender Fortdauer der Serie merkt man, wie sehr ihm die ganze Unternehmung zusetzt. Er ist kein flacher Charakter ohne Facetten. Er hat Werte und Prinzipien die an einem Ort wie Fox River zwangsläufig zu wackeln beginnen und sich immer mehr zu verbiegen drohen.

“Preparation will only take you so far. After that you gotta take a few leaps of faith.”

Der Plan bröckelt

Natürlich läuft nicht alles wie am Schnürchen als Michael nach Fox River gebracht wird. Es gibt Dinge, die man nicht planen und sich nicht in die Haut stechen lassen kann – Michael lernt das auf die harte Tour.

Gegen Mitte der ersten Staffel beginnt seine Fassade ein wenig zu bröckeln und wir sehen ihm an, unter welchem Druck und unter welch ungeheurer Spannung er steht. Wentworth Miller stellt den verzweifelt Entschlossenen, der eigentlich nur seinen Bruder retten will, wie ich finde, sehr überzeugend dar. Als Zuschauer kommt man ins Grübeln, ob ihm da nicht alles über den Kopf wächst – immerhin muss nur eine Kleinigkeit schief gehen, Lincoln wird hingerichtet und Michael sitzt im schlimmsten Fall noch 15 Jahre hinter Gittern. Der Einsatz in diesem Spiel ist unglaublich hoch.

Wo man zu Anfang noch gerne glaubt, Michael hätte alle Unmöglichkeiten erwägt, sämtliche relevanten Insassen und das Personal recherchiert, generelle Gefängniseigenheiten bedacht und überhaupt eine Lösung für *alles*, stellt man im Lauf der Staffel fest, dass er, trotz seiner herausragenden Intelligenz, auch nur ein Mensch ist. So überlegen einem Scofield auch erscheinen mag, es kommt wie es kommen muss: der zu Beginn so selbstsichere, so berechnend und kühl wirkende Michael Scofield ist dem tatsächlichen Risiko im Gefängnis gegenüber blind gewesen: Im Gefängnis herrscht nicht allgemeine Vernunft, hier existiert eine eigene kleine Welt mit ihren eigenen Regeln. Hierarchie und Tagesgeschehen werden vom Stärksten kontrolliert, und das sind in erster Linie die Gefängniswärter – mit dem unsympathischen Captain Brad Bellick (gelungen gespielt von Wade Williams), dicht gefolgt von den finanziell überlegenen oder skrupellosesten Sträflingen.

You in there, pretty? I know you’re there. Just wanted you to know that I’m coming for you. You’ve got nowhere to run. You’re trapped in that little hole of yours. Trapped like a pig…

Auf beiden Seiten der Gitter

Natürlich tut sich außerhalb der Strafanstalt auch so einiges. Bald stellt sich heraus, dass hinter Lincolns Urteil mehr steckt als schlichte Justiz. Seine Ex-Freundin Veronica Donovan (Robin Tunney), und auch dessen Anwältin, sucht, während Michael sein Möglichstes tut, unablässig nach Beweisen für die Unschuld des zu Tode verurteilten. Dabei gerät sie in einen Sumpf aus Verschwörungen, die bis an die Spitze der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika reichen. Sie bringt alle möglichen Hebel in Bewegung und setzt sich dabei einem fast so großen Risiko aus wie Michael.

Die Problematik der Todesstrafe wird schön in der komplizierten Beziehung Lincolns zu seinem Sohn L.J. dargestellt. Wie reagieren wir tatsächlich, wenn alle Beweise darauf hindeuten, dass ein von uns geliebter Mensch ein schreckliches Verbrechen begangen hat? Wir sind wütend, enttäuscht, traurig, fassungslos und ohnmächtig. Es ist eine sehr schwierige Situation, die hier meiner Meinung nach sehr glaubwürdig rübergebracht wird.

Neben exzellenten Scripts, die sogar vor jeder Werbepause fiese Cliffhanger einbauen, machen allem voran die Mithäftlinge das Geschehen in Fox River so fesselnd. Allesamt bilden sie eine geniale Kombination an Charakteren, die mit tollen Darstellern besetzt sind. Robert Knepper, der seine Rolle als T-Bag mit solcher Intensität spielt, dass einem unwohl wird wenn man ihn nur sieht, Peter Stormare als skrupelloser Mafiaboss, Amaury Nolasco als der im Grunde gutmütige Zellengenosse – sie alle bilden ein Ensemble das seines Gleichen sucht. Wir erkennen: Sträfling ist nicht gleich Sträfling. Trotz Michaels unweigerlichem Talent mit Menschen umzugehen bleiben sie immer noch Menschen, und nicht Marionetten, die man einfach so steuern kann.

Prison Break schafft es, einen Verschwörungsthriller mit Drama zu verbinden. Die Charakterentwicklung ist glaubwürdig, die Story in sich – wenn sie auch streckenweise etwas der Logik entbehrt (wohin führen denn die Abwasserleitungen in Scofields Zelle?) – schlüssig und kurzweilig, das Setting ungewohnt und der Plot innovativ. Es braucht keine aufwändigen Sets, Effekte oder Action. Die schmuddeligen und immer gleichen Gefängniswände bilden eine perfekte Leinwand für das charaktergetriebene Geschehen. Nicht zu vergessen ist Michaels immer mysteriös bleibender Plan und die schwer zu greifende Verschwörung, die sich hinter dem Ganzen auftut. Alles in allem ein ziemlich krasser Mix.

“We’re not breaking out of a Jamba Juice, gentlemen.”

Fazit von Johanna

Für mich ist Prison Break so spannend, weil ich keine stereotypen Charaktere erkenne – keiner von ihnen ist nur schwarz oder weiß, sondern eine Schattierung von Grau. Selbst Kellerman und T-Bag haben ihre „besseren“ Seiten. Jede Figur in Michael Scofields Schachspiel hat Beweggründe und eine Vergangenheit die sie zu dem gemacht haben, was sie jetzt sind.

Die kryptischen Zeichen und Sprüche in der Tätowierung, das Origami, Michaels vage Äußerungen, das ständige Marionetten-Spiel und die niemals enden wollenden Konflikte mit seinen Mitinsassen haben mich Fingernägel kauend vor dem Fernseher sitzen lassen. Zuletzt war ich derart gefesselt, als Battlestar Galactica noch auf meinem Programm stand. Ja, ich ziehe tatsächlich diesen Vergleich – beides spielt sich auf vergleichsweise engem Raum ab, der „Feind“ ist übermächtig und zu Beginn nur eine Gefahr im Hintergrund ohne Gesicht, im Grunde steht jeder Charakter für sich, aber alle folgen einem Ziel: der Freiheit. Prison Break ist nicht nur die Geschichte von ein paar Sträflingen, die aus einem Gefängnis ausbrechen – es ist ein Familiendrama.

Jeder könnte im nächsten Moment die Seiten wechseln, verletzt, verstümmelt, getötet werden. Es ist ein ständiger Nervenkitzel und jeder Cliffhanger wird exzellent verwertet. Toller Stoff unterlegt mit atmosphärischem Score und einem passendem Soundtrack. Der Spannungsbogen hält über die gesamte Staffel und schafft es auch noch, am Ende eins drauf zu setzen. Ich bin hingerissen.

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