Unknown Identity

Unknown Identity

Liam Neeson, der Actionheld. Als alteingesessener Filmfan muss man sich daran noch ein wenig gewöhnen. Schließlich war der in Nordirland geborene Leinwandmime über weite Strecken seiner immerhin schon mehr als 30-jährigen Karriere eher als Charakterdarsteller bekannt, anerkannt und von Kritiken gefeiert. Doch die Gelegenheits-Filmschauern und viele Anhängern des allseits beliebten Popcorn-Kinos haben Neeson erst seit wenigen Jahren auf dem Schirm. Um genau zu sein seit 2008, als er als verzweifelter Vater Bryan Mills in 96 Hours seine entführte Tochter aus den Zwängen eines Menschenhändler-Rings in Paris retten musste. Das tat Neeson im Alleingang und derart beeindruckend, das er quasi über Nacht zum gefeierten Helden des Actiongenres wurde.

Im Vergleich zu seiner bewegenden und für den Oscar nominierten Performance als Oskar Schindler in Steven Spielbergs Meisterwerk Schindlers Liste ist das sicherlich leichte Kost. Das soll aber keineswegs bedeuten, dass manche seiner neuen Filme nicht sehenswert sind. Zumindest solange man keinen tiefgründigen Thriller, sondern ein rasantes Feuerwerk erwartet. Das gab es dann beispielsweise bei der Verfilmung der Kultserie A-Team im letzten Jahr, bei der Neeson in der Rolle des Colonel Hannibal Smith mit Zigarre im Mund und großkalibriger Knarre in der Hand den Bösewichten den Garaus machte.

„I didn’t forget everything. I remember how to kill you, asshole.”

Nach dem Rezept von 96 Hours

Auch sein aktueller Film passt in das Schema des neuerfundenen Actionhelden Liam Neeson. Der Thriller Unknown Identity (hier geht es zum Trailer), der seit dem 3. März in den deutschen Kinos zu sehen ist, macht sich das Erfolgsrezept von 96 Hours, der im Übrigen von Frankreichs Action-Guru Luc Besson produziert und geschrieben wurde, zu Gute. Im Alleingang muss sich der Nordire seinen Weg durch eine europäische Hauptstadt bahnen (oder besser: schießen) um seinen Allerwertesten vor einigen sehr bösen Buben zu retten. Und so entwickelt sich schnell eine rasante Achterbahnfahrt, diesmal durch Berlin statt wie in 96 Hours durch Paris, mit einem wahrlich spektakulären Ende im Nobelhotel Adlon.

Aber alles von Anfang an. Mit seiner attraktiven Frau Elizabeth (US-Serienstar January Jones, bekannt aus der Erfolgsserie Mad Man) sitzt Dr. Martin Harris im Flugzeug nach Berlin. Dort soll der erfolgreiche Wissenschaftler bei einem Biotechnologie-Kongress einen Vortrag halten. Doch bei der Ankunft am Berliner Flughafen vergisst Dr. Harris seinen Aktenkoffer, bemerkt dies aber erst beim Einchecken im Hotel. Sofort setzt er sich in ein Taxi und will zurück zum Flughafen. Seine Frau bekommt von alldem nichts mit und auch der Versuch von Dr. Harris, sie per Handy zu informieren, scheitert am fehlenden Mobilfunknetz – und das mitten in der deutschen Hauptstadt!

Es kommt also, wie es in einem Actionstreifen kommen musste. Nach einem schweren Autounfall, bei dem Dr. Harris von der Taxifahrerin (Deutschlands Hollywood-Export Diane Kruger, die eine illegal eingewanderte Bosnierin spielt) das Leben gerettet wird, liegt er vier Tage im Koma.  Danach schleppt er sich zum Kongress in das Hotel und sucht seine Frau. Doch als er Elizabeth findet, beginnt für ihn der wahre Horror: seine Frau gibt an, ihn nicht zu kennen und vergnügt sich an der Seite eines anderen Mannes (Aidan Quinn), der sich auch noch als der wahre Dr. Martin Harris ausgibt. So beginnt für Neeson eine brandgefährliche Suche nach seiner Identität und der Wahrheit.

„I am Martin Harris!“

Erinnerungen an Polanskis Frantic

Dabei erinnert Unknown Identity unweigerlich an Frantic, einen Thriller von Regisseur Roman Polanski aus dem Jahr 1988 in dem Harrison Ford als Dr. Richard Walker auf einer Geschäftsreise nach Paris urplötzlich nach einem vertauschten Koffer und nach seiner entführten Frau suchen muss. Dabei war Frantic jedoch keinesfalls ein perfekter Thriller. Genauso wenig wie Unknown Identity.

Eigentlich soll man in einer Kritik ja zunächst das Positive herausstellen, doch gelegentlich erlaubt die künstlerische Freiheit auch eine andere Herangehensweise. Denn beim Werk von Regisseur Jaume Collet-Serra (Orphan – Das Waisenkind) gibt es immerhin einige Ungereimtheiten. Da wäre zum Beispiel der größte Teil der Story. Wie kann es schließlich sein, dass Dr. Martin Harris plötzlich nicht einmal von seiner eigenen Frau erkannt wird? War alles nur ein Traum oder fantasiert der scheinbare Wissenschaftler tatsächlich nur? Oder war es etwa ein finsterer Plan, um Dr. Harris aus dem Weg zu räumen? Da stellen sich dann aber zwei Folgefragen: wer konnte schon davon ausgehen, dass der Biotechnologe seinen Aktenkoffer am Flughafen vergisst und das er dann auch noch auf dem Weg zurück einen schweren Autounfall erleidet? Ist Diane Kruger etwa auch einer der Bösewichte? Oder nur zur falschen Zeit am falschen Ort?

Auf einige dieser Fragen hält der Film letztlich einigermaßen plausible Antworten parat und kriegt so bei seiner Auflösung geradeso die Kurve. Das täuscht aber keineswegs darüber hinweg, dass Unknown Identity einige Lücken in der Geschichte aufweist und nicht immer glaubwürdig bleibt. Das ist schließlich auch der größte Kritikpunkt an der deutsch-amerikanischen Co-Produktion.

„Do you know what it feels like to become insane? It’s a war between being told who you are and knowing who you are… Which do you think wins?“

Berlin wurde stark in Szene gesetzt

Kommen wir also zur positiven Seite von Unknown Identity. Da sollte man allen voran die Kameraführung und die Inszenierung von Berlin nennen. Die winterlich verschneite Hauptstadt ist überzeugend fotografiert und zieht einen schon von den ersten Szenen an in ihren Bann. Das einige Berliner-Momente in Wahrheit in Leipzig gedreht wurden, fällt dabei kaum ins Gewicht. Die Kameraführung ist für einen Film dieses Genres angemessen schnell, aber im Vergleich zu anderen aktuellen Actionstreifen nicht so hektisch, dass man entweder vollkommen durcheinander kommt oder sich im Anschluss an den Kinobesuch mit Kopfschmerzen plagen muss.

Die Actionsequenzen sind ebenfalls überzeugend inszeniert, zwei Verfolgungsjagden und der Autounfall zu Beginn des Films wurden von der Filmcrew nach allen Regeln der Kunst umgesetzt. Der Spannungsbogen steigt schon von dem Moment an kontinuierlich, als Dr. Harris seinen Koffer am Flughafen vergisst. Bei der letztlichen Auflösung, die ein gutes Stück vor dem eigentlichen Filmende erfolgt, reist die Spannung dann aber leider ab und so plätschert Unknown Identity dem Ende entgegen und reißt schließlich nicht mehr vom Hocker. Daran ändert auch das bereits angesprochene Finale nichts mehr.

„They had me convinced that I was crazy. But when they came to take me I knew.”

Tolle Schauspieler (mit einer Ausnahme)

Ein Plus gibt es auch für die Besetzung. Wie gewohnt – ob als Actionstar oder in einer Charakterrolle – liefert Liam Neeson eine tolle Performance ab. So bemerkt man nicht nur seine anfängliche Panik über das Geschehene, sondern auch Stück für Stück seine Wut und seine Entschlossenheit, aus der Bredouille zu entkommen und seine Identität wiederzuerlangen. In ihrer Nebenrolle macht Diana Kruger als Taxifahrerin und spätere Gehilfin von Dr. Harris ebenfalls eine gute Figur. Das Highlight sind aber die Gastauftritte der Schauspiel-Dinos Bruno Ganz und Frank Langella. Ersterer spielt einen ehemaligen Stasi-Offizier, der Neeson bei seiner Suche nach der Wahrheit unter die Arme greift. Das Drehbuch hat für seine Rolle zwar einige überzogene Klischees parat, doch dafür kann Ganz letztlich nichts. Langella hingegen spielt einen guten Freund von Dr. Harris, von dem sich der Wissenschaftler eine Bestätigung seiner Identität erhofft.

Etwas fehl am Platze ist hingegen January Jones. Sie spielt Elizabeth Harris emotionslos und mit eintöniger Mimik. Die junge Blondine bleibt allerdings nett anzuschauen, wenn sie im rückenfreien Abendkleid den Gästen beim Biotechnologie-Kongress den Kopf verdreht. Schauspielerisch war es aber nicht ihr bester Auftritt.

Noch ein Wort zu Regie: Jaume Collet-Serra macht einen grundsoliden Job. Er hat das Ensemble gut unter Kontrolle und schafft eine gelungene Inszenierung, sei es im Bild oder auch im Ton. Der gerademal 37-jährige Spanier bestätigt somit mit Unknown Identity sein vorhandenes Talent, auch wenn er bei Orphan – Das Waisenkind einen etwas besseren Job machte.

„There is no Martin Harris. He doesn’t exist.”

Fazit von Wolfgang

Was bleibt ist ein spannender und stimmungsvoller Actionthriller, der leider gegen Ende an Fahrt verliert und nicht gerade mit Logik glänzt und mit seiner Auflösung auch nur geradeso die Kurve kriegt. Allerdings wurde Unknown Identity auch nicht als intelligenter Thriller mit vielen psychologischen Wendungen und Irrungen verkauft, sondern eben als One-Man-Actionfeuerwerk, bei dem sich Liam Neeson erneut als Kampfmaschine mit Herz protegieren kann. Dieses Ziel wurde im Grunde erreicht, die schöne Inszenierung von Berlin und die starken Nebendarsteller helfen dabei ordentlich mit und machen einige Story-Pannen vergessen. Somit ist Unknown Identity pures Entertainment, bei dem man an einem Kinoabend mit Freunden abschalten und mit zufriedener Miene den Saal verlassen kann. Der Film ist wirklich kein Meisterwerk seines Genres und wird wohl auch nicht lange in Erinnerung bleiben, aber er unterhält für kurzweilige zwei Stunden und macht allemal Spaß. Und darum soll es schließlich im Kino mitunter auch gehen.