Verblendung

Verblendung

„The Feel Bad Movie Of Christmas“ – Der Film also, der an Weihnachten für richtig schlechte Laune sorgen soll. So wurde die amerikanische Neuverfilmung von Stieg Larssons Weltbestseller Verblendung (Originaltitel: The Girl with the Dragon Tattoo) auf den US-Kinopostern Ende des letzten Jahres angekündigt. Kein Wunder, so nimmt sich doch Kult-Regisseur David Fincher des ohnehin schon verstörenden Stoffs an. Und der hat schließlich einiges an Erfahrung, was Filme mit Serienmördern angeht. 1995 drehte er den Kultfilm Sieben mit Brad Pitt und Morgan Freeman und brachte 2007 die wahre Geschichte des Zodiac-Killers auf die Leinwand. Zwei von Kritikern mit Lob überschüttete Thriller, die mit einer typischen Hollywood-Verfilmung nicht viel am Hut haben.

Um Verblendung den richtigen Schliff zu geben, holte er sich mit Steven Zaillian gleich noch einen der wohl besten Drehbuchautoren ins Boot (Oscar für Schindlers Liste), mit Daniel Craig, Rooney Mara, Christopher Plummer, Robin Wright und Joely Richardson zudem eine Riege an namhaften Darstellern.

Eigentlich sehr gute Vorzeichen für einen exzellenten Thriller. Doch viele Filmfans stellten sich trotzdem die brennende Frage: Wozu braucht man nach der bereits sehr erfolgreichen schwedischen Verfilmung des Romans von 2009 nach so kurzer Zeit auch noch einen Abklatsch aus Hollywood? Die Antwort ist ganz einfach: Weil Fincher seine Hände im Spiel hat. Denn unter seiner Regie wurde aus Verblendung ein noch besserer, aber auch ein noch verstörenderer Film als das Original aus Schweden.

„I want you to help me catch a killer of women.“

Was geschah mit Harriet?

Aber der Reihe nach: Verblendung erzählt die Geschichte des investigativen Journalisten Mikael Blomkvist (gespielt von James Bond-Darsteller Daniel Craig) und der Goth/Computer-Expertin Lisbeth Salander (Newcomerin Rooney Mara, die für die Rolle eine der fünf Oscar-Nominierungen des Films bekam). Zwei Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, aber in einem Strudel aus Sex, Gewalt und Intrigen füreinander unentbehrlich werden.

Blomkvist ist bei einer großen Enthüllungsstory auf eine falsche Quelle hereingefallen und muss sich dafür vor Gericht verantworten. Seine Reputation ist im Eimer, seine Ersparnisse gehen für die Entschädigung drauf. Umso überraschender kommt es für Mikael, dass der Industriemogul Henrik Vanger (Christopher Plummer) ihn damit beauftragen will, das Schicksal seiner vor über 40 Jahren verschwundenen Nichte Harriet aufzuklären, von der es von heute auf morgen kein Lebenszeichen mehr gab. Auch eine Leiche wurde nie gefunden. Er vermutet, dass einer seiner Familienmitglieder für Harriets Verschwinden verantwortlich ist. Eine Familie, die immerhin zu einem großen Teil aus alten Nazis besteht. Jetzt will Vanger endlich Gewissheit und für ihn ist Blomkvist genau der richtige Mann für den Job.

Hier kommt schließlich Lisbeth Salander ins Spiel. Die Computer-Hackerin mit dunkler Vergangenheit hat für Vanger nämlich ein Dossier über Blomkvist vorbereitet. Als der Journalist schließlich um eine Assistentin für seine Recherche bittet, wird sie von dem Geschäftsmann ins Gespräch gebracht. Schnell lernt Blomkvist die Fähigkeiten der jungen Frau kennen und schätzen. Sie werden ein Team – und das nicht nur bei den Ermittlungen. Beim Versuch, das Verschwinden von Harriet aufzuklären machen Mikael und Lisbeth aber einige grausame Entdeckungen und kommen einem brutalen Serienkiller gefährlich nahe, so dass sie am Ende auch um ihr eigenes Leben fürchten müssen…

„You will be investigating thieves, misers, bullies. The most detestable collection of people that you will ever meet – my family.“

David Fincher in seinem Element

Was Fincher hier auf die Leinwand zaubert ist nicht nur eine beeindruckende Story, sondern auch ein äußerst spannender und brutaler Thriller. Ein Beispiel für letzteres: Lisbeth, die einen schmierigen Anwalt zum gesetzlichen Vormund hat, wird von diesem brutal vergewaltigt. Und rächt sich, nicht minder gewalttätig, an ihrem Peiniger. All das bekommt der Zuschauer ziemlich detailliert zu sehen. Hier wird klar, warum Fincher von Anfang an darauf bestanden hat, sich nicht um die Altersfreigabe sorgen zu müssen.

Getreu der Vorlage findet die Handlung in Schweden statt, was dem Regisseur – bekanntlich ein Fan von dunklen Farben und düsterer Atmosphäre – sichtlich in die Karten spielt. Die Stimmung des Films bleibt von der ersten Sekunde an bedrohlich, die Spannung steigert sich von Minute zu Minute. Auch wenn es vielleicht ein bisschen zu lange dauert, bis Mikael und Lisbeth endlich zusammentreffen und der Plot so wirklich Fahrt aufnimmt. Ein kleiner Kritikpunkt, da der Film trotz seiner Laufzeit von 158 Minuten eigentlich keine Längen aufzuweisen hat.

Zaillian macht aus der Romanvorlage von Larsson ein hervorragendes Drehbuch. Der Erfolgsautor strickt die Story wesentlich stringenter als seine Vorgänger bei der schwedischen Verfilmung. Er bleibt der Quelle sogar dermaßen treu, dass sich einige Cineasten wunderten, dass der Film nicht noch länger dauert. Die Musik von Trent Reznor und Atticus Ross, die beide schon mit Fincher zusammengearbeitet haben (Reznor bei Sieben, Ross bei The Social Network), untermalt die Atmosphäre und fügt noch ein Stückchen mehr Beklommenheit zu der Geschichte hinzu. Kameramann Jeff Cronenwerth (der mit dem Regisseur bereits an Fight Club und auch The Social Network gearbeitet hat) liefert nicht nur einen schaurigen Blick auf menschliche Abgründe, sondern auch einen atemberaubenden auf die Winterlandschaft Schwedens.

„Rape, torture, fire, animals, religion. Am I missing anything?“

Rooney Mara haucht Lisbeth Salander Leben ein

Dann wären da natürlich noch die hervorragend besetztenden Rollen. Daniel Craig macht einen sehr guten Job als Mikael Blomkvist, auch wenn es zunächst ungewöhnlich ist, James Bond in dieser wesentlich verletzlicheren Rolle zu sehen. Immerhin verlor er nach eigener Aussage einiges an Muskelmasse, um wie ein Journalist, und eben nicht wie ein Geheimagent, auszusehen. Er spielt souverän und in den entscheidenden Momenten zurückhaltend. Denn der Star des Films ist zweifelsfrei jemand anderes.

Und zwar Rooney Mara. Die Newcomerin spielt Lisbeth Salander so, wie es sich Stieg Larsson wohl gewünscht hätte. Verzweifelt, verletzlich und von ihrer Vergangenheit gezeichnet. Aber auch genial, bedrohlich und selbstbewusst. Völlig verdient wurde sie für ihre Darstellung nicht nur für einen Golden Globe, sondern auch für einen Oscar nominiert. Mara haucht einer der faszinierendsten Heldinnen der jungen Literaturgeschichte Leben ein. Fincher schenkt ihr sehr viel Tiefe und beleuchtet ihre Gefühlswelt mit viel Fingerspitzengefühl. So wird die Geschichte dieses beeindruckenden Charakters sogar noch um einiges interessanter.

Auch in der Besetzung der Nebenrollen fällt der Film nicht ab. Ob Plummer als Henrik Vanger, Stellan Skarsgård als dessen Neffen Martin, Robin Wright als Mikaels Chefin und Liebhaberin Erika Berger, Yorick von Wageningen als der perverse Anwalt Nils Bjurman oder Joely Richardson als Harriets ehemals beste Freundin Anita. Sie alle machen einen ausgezeichneten Job und so bedarf es auch eines Lobes an Laray Mayfield, die für das Casting verantwortlich war.

Natürlich hat der Film auch seine Schwächen. Für die einen nimmt er nicht schnell genug Tempo auf, für die anderen ist er schlicht und ergreifend zu brutal. Das Ende ist vielleicht einen Tick zu schnell abgehandelt, aber auf der anderen Seite ist auch hier eine Trilogie, wie bei der Buch- und der schwedischen Filmvorlage, geplant. Und wer weiß, was Fincher, sollte er denn weiterhin auf dem Regiestuhl Platz nehmen, für die weiteren Teile noch in Petto hat.

„You need to stop talking.“

Fazit von Wolfgang

Verblendung ist ein richtig starker Thriller, der aber nur für Erwachsene geeignet ist. Er strotzt vor Gewalt, die Thematik ist alles andere als leichter Tobak. Doch auf der anderen Seite zieht dieser düstere Kampf von Menschlichkeit und Vernunft gegen Grausamkeit, Missbrauch und Mord den Zuschauer unweigerlich in seinen Bann. David Fincher drehte hier einen Film, in dem er sein Faible für eine dunkle und böse Handlung nach Sieben mal wieder richtig ausleben konnte. Mit Rooney Mara gelang ihm dabei vielleicht auch noch die Neuentdeckung des Jahres. Verblendung ist ein Thriller, der es wirklich in sich hat und absolut sehenswert ist. Und mit „The Feel Bad Movie Of Christmas“ haben die Produzenten wirklich nicht übertrieben.