Inception

Inception

Wenn man wo liest oder hört, dass Christopher Nolan an einem neuen Film arbeitet und dieser bald schon in die Kinos kommt, dann darf, ja muss man gespannt sein und die Erwartungen kann man wohl kaum hoch genug schrauben. Von Memento (2000) über Prestige (2006) bis hin zu Dark Knight (2008) überzeugt einer der besten Autorenfilmer unserer Zeit auf ganzer Linie. Als ich die ersten überschwänglichen Kritiken aus Übersee zu Inception las, sehnte ich freudig den deutschen Kinostart herbei. Schön auch, dass ich nach den ersten Trailern noch immer keine rechte Ahnung hatte, um was es wirklich ging. Als gelegentlicher Kulturpessimist erwarte ich ja kaum noch wirklich originelle und substanzielle Werke aus der Hollywood-Hölle, die zudem Cinephile und gemeines Publikum gleichermaßen begeistern können. Kann denn ein sperriger, kopflastiger Film heutzutage überhaupt noch hunderte von Millionen in die Kassen spülen oder muss die Handlung immer etwas gefällig, die Action immer etwas dumpf und die Oberweite immer etwas größer sein? Inception beweist, dass da noch Hoffnung besteht und Blockbuster auch mal ganz anders sein dürfen, glücklicherweise.

”If we are gonna perform Inception then we need imagination.”

Luzides Träumen

Ein Traum in einem Traum… Edgar Allen Poe verfasste einst ein Gedicht mit diesem Titel. Aufmerksamen Träumern könnte das auch schon einmal mehr oder weniger passiert sein. Die Idee, das Konzept kann in jedem Fall eine originelle Geschichte tragen, sofern man gewillt ist, den Träumern immer weiter und immer tiefer zu folgen. Und damit wären wir auch schon beim eigentlichen Handlungskonstrukt von Inception. Verschachtelt und wie in einem Labyrinth wird der Zuschauer von Ebene zu Ebene getragen hinein in ein Geflecht aus komplexen Ideen, träumenden Protagonisten und nicht zuletzt auch reichlich surreal inszenierter Action.

Dabei könnte man Inception auch schlicht ‚runter brechen‘ auf das Genre des sogenannten ‚Heist-Movies‘, bei dem stets die Planung und die Durchführung eines Raubes (oder in diesem Falle einer ‚Einpflanzung‘) den Kern der Geschichte darstellt. Somit logischerweise also auch ein Ensemble-Film mit großem Figuren-Inventar. Grob skizziert wird hierzu ein Science-Fiction-Setting, das mit Cyberpunk-Einflüssen spielt und in dem der menschliche Geist mit technologischen Hilfsmitteln über Träume manipuliert wird. Mehr oder weniger üble Megakonzerne, die in steter Konkurrenz Gedankeninfiltratoren engagieren um Industriespionage zu betreiben, dürfen dabei freilich auch nicht fehlen. Dazu noch ein etwas gebrochener und etwas getriebener Hauptcharakter mit einem dunklen Geheimnis und die Prämissen des Films verheißen zumindest für mich großes Kino und großen Spaß.

”Wait, whose subconscious are we going through exactly?”

Luzides Schreiben

Über die Handlung selbst will ich eigentlich ansonsten kaum noch etwas verraten. Zwar ist Spoilern ohnehin schwer möglich, weil es gibt wohl schlicht zu viel zu erklären, aber nachdem ich zuvor wenig Ahnung hatte von der Geschichte und dasselbe Erleben dem Zuschauer auch nicht vorenthalten will, verweile ich im weiteren Text höchstens bei einigen Ansätzen. Neugierige finden hierzu alleine schon auf Wikipedia genug. Gesagt sei aber nunmehr, dass das Drehbuch selbst möglicherweise die größte Meisterleistung, ja der größte Triumph von Inception ist. Nicht nur allein, weil es selbigen gelingt geradezu einen Moloch an Komplexität in fassbarer Weise an den Zuschauer heranzutragen, sondern weil auch dabei die Handlung bei einer andauernden Exposition der Geschichte und der Figuren vorangetrieben wird ohne zu langweilen, ohne zu ermüden.

Immer steiler wird dabei die Pyramide, immer weiter überbietet sich die Geschichte selbst an neuen (auch visuellen) Höhepunkten, zusätzlichen Konzeptionen und überraschenden Twists. Geradezu aufgepfropft und gleichzeitig durchdringend sind dabei zig Meta-Ebenen und Interpretationsmöglichkeiten, die einen andauernd herausfordern und zudem noch lange nach dem Kinobesuch im Kopf weiterbohren. Es verwundert dabei wenig, dass Christopher Nolan selbst jahrelang an dem Drehbuch geschrieben und gefeilt hat.

”You’re infecting my mind!”

Luzides Wachen

Der Cast beeindruckt, speziell Leonardo DiCaprio spielt seine Figur überraschend sensibel und eindringlich. Ihm zur Seite stehen im großen Ensemble mindestens ebenso große Namen wie Michael Caine, Ken Watanabe und die Oscar-Preisträgerin Marion Cotillard. Sie verkörperte in La vie en rose die Chansonsängerin Edith Piaf und was diese Künstlerin von einst und ihr Lied ‚Je ne regrette rien‘ betrifft, so gibt es so einige Anspielungen und Querverweise im Film. Cillian Murphy ist uns noch als ‚Scarecrow‘ aus Batman Begins bekannt und Joseph Gordon-Levitt scheint in seiner Karriere immer weiter nach oben zu klettern. Der gelungene Soundtrack bohrt sich mit dumpfem Dröhnen in unser Gehör und Hans Zimmer beweist uns wieder seine Qualitäten in der musikalischen Oberliga Hollywoods.

Gegenüber dem Meister hinter allen Dingen, nämlich Christopher Nolan als Regisseur und Drehbuchautor kann man nur ehrfürchtig verweilen. Kein Autorenfilmer der Welt darf sonst mit solch gigantischen Budgets (160 Millionen Dollar), solch einem großen Star-Aufgebot und solch aufwändigen Produktionsmitteln hantieren und jonglieren. Und die Effekte sind dabei natürlich auch vom Feinsten.

”The seed that we planted in this man’s mind may change everything.”

Fazit von Spenz

Alles in allem sehen wir hier einen Sommer-Blockbuster, der alle üblichen Hollywood-Regeln der Mainstream-Gefälligkeit bricht und sowohl Kritiker als auch ein großes Publikum in einer Tour de Force quer durch Traumwelten hindurch begeistern kann. Alleine deswegen bin ich Christopher Nolan, der sich für mich immer mehr neben einem Kubrick oder einem Cronenberg locker einreihen kann, unendlich dankbar, allein deshalb lohnt sich der Film. Und so nebenbei dürfte dies einer der bedeutendsten SF-Genrefilme überhaupt sein. Mehr noch als alles andere, bewundere ich aber dieses hervorragende, geniale und fantastisch geschriebene Drehbuch, das unter allen Umständen den Oscar mehr als verdient hat. Lediglich an einem mangelt es für mich bei diesem Meisterwerk, nämlich an emotionaler Intensität, die bis auf die Katharsis der Hauptfigur, nämlich fast gänzlich fehlt. Etwas zu schablonenhaft wirken die restlichen Charaktere, denen auch schlicht zu wenig an Raum bleibt um wirklich mit ihnen mit fiebern zu können. Daher hat mich unter anderem ein Dark Knight einen Tick mehr begeistert. Ansonsten haben wir hier aber wohl den Film des Jahres vor uns.

PS: An dieser Stelle komme ich nicht umhin, noch einige interpretative Kopfgeburten hinsichtlich des Films hier anzufügen: Christopher Nolan und seine Vision des urbanen Raums, die Stadt als Filmmotiv… Metropolis, Blade Runner als Quasi-Vorgänger… die Stadt als eigentlicher Kulturraum in dem das Subjekt erst seine Identität in der symbolischen Zäsur zur Welt (‘Naturraum’) definiert… Architektur als manifest gewordene Sprache… die symbolische Wirklichkeit, die sich in Beton und Glas überstülpt… Übergangszonen, Konstrukte, Projektionen… Limbos als Ende der Sprache, Ende der Identität, als Ort jenseits aller Orte… das Verdrängte, das hervorbricht und sich nicht verdrängen lässt… Hel (Mal im Film! siehe auch Metropolis mit ‘der’ Frau mit Namen Hel) als die Herrin der Unterwelt… die tote Mutter, die noch nicht weiß, dass sie tot ist… der symbolische und der reale Tod… ‘die’ Frau als Welt, als Schöpfer von Welt, als Mutter des Horts (der Architektur)… sich schuldig machen und die Schuld (an)erkennen… das Unbewusste fassbar (bewusst) machen… das Konstrukt als Wahrheit… das Ende des Konstrukts auf der Suche nach Wahrheit…

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