Mad Men – Staffel 1

Mad Men – Staffel 1

Es sind glückliche Tage für Serien-Fans. Nie war das Angebot größer, nie gab es so viele, so hochqualitative TV-Produktionen. Speziell die US-amerikanischen Sender HBO (Die Sopranos, Six Feet Under, Rom) und seit einigen, wenigen Jahren auch AMC (Breaking Bad, The Walking Dead) überzeugen und begeistern mit ihren Schöpfungen. Letzterer strahlt seit 2007 die Serie Mad Men aus, für die inzwischen bereits vier Staffeln (zu je 13 Folgen) abgedreht sind und zumindest zwei weitere hinzu kommen werden. Durchgehend gute Quoten und zahlreiche Auszeichnungen (wie unter anderem zweimal den Golden Globe für das beste Ensemble) belohnen das hohe künstlerische Niveau der Kreation von Matthew Weiner.

”You make the lie. You invent want. You’re for them… not us.”

New York, New York…

1960. New York. Madison Avenue. In der Straße, die besonders bekannt ist für ihre hohe Konzentration an Werbeagenturen, gehen die Mad Men ihren täglichen Geschäften nach. Sie sind die Kreativen, die Beschöniger, die Verkäufer. Der Kunde hat ein Produkt, welches Mann und Frau haben wollen müssen. Zigaretten verursachen vielleicht Lungenkrebs, aber darum geht es nicht, denn es soll geraucht werden, damit Geld verdient wird.

Sterling & Cooper heißt die Werbeagentur. Don Draper heißt der, der das Geschäft perfekt beherrscht. Er ist so ehrgeizig wie erfolgreich. Er hat das perfekte Aussehen, die perfekte Familie und das perfekte Lächeln für die Kundschaft. Aber überall finden sich Risse in seinem Leben. Die vermeintlichen Freunde in der Agentur sind seine größten Konkurrenten. Er betrügt seine Frau mit anderen Frauen. Seine Vergangenheit ist nicht ohne Grund kaum jemanden bekannt. Und so gänzlich überzeugt ist er auch nicht immer von dem, was ihm monatlich einen dicken Gehaltsscheck einbringt.

Das Leben der Mad Men ist geprägt vom ständigen Präsentieren, Werben und Gewinnen. Ein berauschtes Sein mit Geschäftsessen, Projekt-Arbeiten, Foto-Shootings, Kundenbetreuung, Präsentationen, Meetings und Besprechungen. Alles im schicken Anzug und in schicken Räumlichkeiten. Die Sekretärin für zwischendurch. Immer eine kleine Demütigung für den Kollegen parat. Den nächsten Kunden, den nächsten Auftrag im Visier. Alkohol zur Betäubung. Teurer Luxus zur Ablenkung. Und die Geschichte streift einen mit Nixon und Kennedy. So lässt es sich leben, bis der Mangel an Substanz dann doch zu schmerzen beginnt und die Ausbeutung ihren Tribut fordert.

Give me the full Don Draper treatment.

Ein Abgesang auf den Kapitalismus

Mad Men zeigt den Anfang und das Ende des Kapitalismus. Die inszenierte Idylle der 50er Jahre klingt noch etwas nach, aber die gesellschaftspolitischen Veränderungen und die wirtschaftlichen Umwälzungen kündigen sich bereits an. Noch gibt es keinen globalisierten Markt, noch ist die Verwertung von allem und jedem nicht allumfassend geworden, aber im Nukleus einer Werbeagentur beginnt es.

So glatt und glänzend die Fassade von Sterling & Cooper auch ist, so abgründig und brutal geht es oftmals zu. Niemals offen freilich, immer nur versteckt, subtil und heimlich. Neid, Intrigen, Betrug, Konkurrenzkämpfe, Heucheleien, Demütigungen… Alle tanzen am glatten Parkett des gnadenlosen Marktes, wo sie Produkte verkaufen und Produkte sind. Keiner kann da ohne Verluste dauerhaft mit.

Alles ist Fassade, alles ist Oberfläche, alles ist Substanzlosigkeit. So clever und kreativistisch die nächste Marke auch aufgebaut werden mag, eine wirkliche Bedeutung hat nichts davon. Und genauso so leer sind auch die Figuren, die alle die gleichen Sehnsüchte haben, aber letztlich immer einsam und verletzt zurückgelassen werden, weil das System in seiner Dehumanisierung genau diejenigen zuerst auffrisst, die es am Besten zu beherrschen glauben. Werden die Protagonisten mit alledem konfrontiert oder leiden sie tatsächlich schon an gesundheitlichen Negativfolgen, so wird dies freilich überspielt, verdrängt und bis zum endgültigen Zusammenbruch mit gewitzten Worten und dynamischen Gesten verschleiert.

Ficken statt Lieben. Geschwätz statt Aussprache. Verkaufen statt Fragen.

I hate to break it to you, but there is no big lie, there is no system, the universe is indifferent.

Früher war alles besser

Gnadenlos wird hier das Gesellschafts- und Sittenbild in den frühen Sechzigern seziert. Nach außen hin zeigt man das familiäre Ideal, die Aufopferung für den Job und das perfekte Auftreten. Die Rollenbilder von Frau und Mann sind klar verteilt. Offener Sexismus und brutales Konkurrenzverhalten sind Alltag. Es muss viel geraucht und viel getrunken werden. Die Sekretärin hat demütig, pünktlich und stets angepasst zu sein. Der Abteilungsleiter scherzt mit seinen Kollegen, ist so selbstischer wie potent, sägt aber gleichzeitig an den Stühlen der anderen und das Eheversprechen wird für den schnellen Spaß auch gerne mal vergessen.

Man darf keine Angst haben, darf niemals versagen. Selbstbewusste Frauen sind Exoten. Schwache Männer gibt es nicht. Die Familie hat absolute Stabilität nach außen hin zu zeigen. Die Hausfrau kennt ihren Platz. Der Ehemann hat das letzte Wort in allen Dingen. Tränen sind für den Keller. Jeder weiß, was und wie er oder sie zu sein hat.  

What you call love was invented by guys like me to sell nylons.

Die Inszenierung, die Ausstattung und das Ensemble

Mad Men ist erfreulich zurückhaltend inszeniert. Hier gibt es keine schnellen Schnitte, keine Wackelkameras und keine aufdringlichen Effekt-Haschereien. Natürlich auch um dem ‚Look and Feel‘ der 1960er zu entsprechen wird hier unter anderem auch bewusst am visuellen Stil von Alfred Hitchcock Anleihe genommen, der ja besonders in dieser Periode eine künstlerische Hochphase hatte.

Hinzu kommen äußerst akkurate und detailreiche Sets, die die Ära glaubhaft vermitteln. Des Grafikdesigns Kundige erfreut freilich der historische Rückblick auf Anzeigen und Konzept-Zeichnungen, die unter anderem in der Serie bei den Präsentationen gezeigt werden. Besonders erwähnt werden sollten auch die Kostüme, die in den USA sogar Einfluss auf die zeitgenössische Mode-Industrie haben.

Der Cast selbst ist erfrischend unverbraucht. Kaum einer der Darsteller ist zuvor in anderen bekannteren Produktionen aufgefallen oder dürfte bisher selbst Serien- und Filmexperten öfter mal wo untergekommen sein. Umso beeindruckender freilich die durchgehend beeindruckende schauspielerische Leistung. Allen voran freilich Jon Hamm als Don Draper, der den idealen Mann mit dem idealen Job mit aalglatter Perfektion verkörpert, ohne dabei aber gänzlich über die inneren Brüche hinwegtäuschen zu können. Besonders gut gefällt mir auch noch Elisabeth Moss, deren Figur der Jungsekretärin so bewusst wie unbewusst das System von Verwertbarkeiten und festgelegten Rollenbildern etwas aufzubrechen vermag. Christina Hendricks sei auch noch erwähnt, die optisch ein definitiver ‚Hingucker‘ ist, eine gelungene Ambivalenz besitzt und so nebenbei wohl die am besten designten Kostüme der Show präsentieren darf.

What do you want me to say?

Fazit von Spenz

Mad Men ist die Serie der feinen Klinge. Das ganz große Drama passiert selten, das Eigentliche spielt sich meist zwischen den Zeilen ab, so wie die eigentliche Grausamkeit der Figuren und des Systems nur in wenigen Momenten deutlich zur Schau gestellt werden. Selten noch hat sich eine TV-Produktion dermaßen auf die eigene, kluge Subtilität verlassen.

Das Gesellschaftsbild der frühen 60er Jahre wird so detailreich wie gnadenlos gezeigt. Historische, politische und soziale Umwälzungen kündigen sich hintergründig an und werden geschickt in die Handlung mit hinein verwoben. Vor allem die Kapitalismus-Kritik ist überdeutlich, allerdings ohne dabei moralisierend zu sein oder mit bemühten Verweisen auf die nagende Entmenschlichung anzustrengen. Es wird einfach nur dargestellt und gezeigt, wie das System funktioniert und welche Auswirkungen dieses auf das Individuum und die Welt hat.

Dass sich das Ensemble so wunderbar harmonisch zusammenfügt ist ein echter Glücksfall. Schauspierlisch zu brillieren ist allerdings bei diesen mehr als nur gelungen geschriebenen Drehbüchern wohl auch nicht allzu schwer. Von der Ausstattung über die Inszenierung bis hin zur Musikauswahl in den Abspännen wird alles mit allerhöchster Qualität präsentiert. Nur selten schleicht sich vielleicht ein wenig Zähigkeit hinein und nur selten fehlt vielleicht ein letzter Schliff an Genialität. Alles in allem kann Mad Men jedenfalls absolut empfohlen werden. Ich bin schon sehr gespannt auf die nächsten Staffeln.

DVD-Extras:

Während bei Ton und Bild keine Wünsche offen bleiben, ist die Sonderausstattung der DVD-Box reichlich dürftig ausgefallen. Es gibt nämlich bis auf zwei Dokumentationen keinerlei Extras. Jene über die Musik der Serie ist auch nur mäßig interessant, aber immerhin der Beitrag über historische Entwicklung von Werbeagenturen in den USA sowie sich verändernde Aspekte der Marketing-Industrie ist gelungen. Ansonsten fehlen mir besonders die sonst üblichen Audiokommentare. Immerhin lässt sich die erste Staffel inzwischen zu einem äußerst günstigen Preis erwerben.

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