The Amazing Spider-Man

The Amazing Spider-Man

Während meiner Grundschulzeit habe ich die ersten beiden Spider-Man-Filme von Sam Raimi jeweils vermutlich mehr als 10 Mal gesehen. Als ich davon hörte, dass ein Reboot gerade einmal fünf Jahre nach dem Abschluss der eigentlich noch recht frischen Trilogie geplant war, hatte ich meinen Glauben an die Menschlichkeit fast verloren. Besetzung und Regie ließen mich wenigstens halbwegs aufatmen. Andrew Garfield und Marc Webb versprachen einen viel persönlicheren und tragischeren Peter Parker. Trotz so mancher Skepsis besuchte ich nun doch das Kino und leider gab es keine Vorstellung in 2D…

Thirty-eight of New York’s finest, versus one guy in a unitard.

Spinne gegen Eidechse

Ganz anders als in der ‘alten’ Trilogie befindet sich Peter Parker (Andrew Garfield) auf den Spuren seines Vaters, als er die Bekanntschaft einer genmanipulierten Spinne macht. Bei seiner Tante und seinem Onkel lebend, beginnt Parker mit der Lösung des Mysteriums, welches den Tod seiner Eltern umfasst. Er verschafft sich Zutritt zu Oscorp, wo der ehemalige Kollege seines Vaters – Dr. Curt Connors (Rhys Ifans) – an einer neuen Technologie arbeitet. Er will Menschen die Anpassungsfähigkeiten verschiedener Tiere aneignen. Ihm selbst fehlt ein Arm und mithilfe der Eigenschaft von Reptilien, Gliedmaßen nachwachsen zu lassen, will er seinen Körper gänzlich regenerieren. Während Peter nach dem Spinnenbiss damit beginnt, seine Fähigkeiten zu erforschen, riskiert Connors zu viel und verwandelt sich schließlich vollständig in eine große Eidechse. Neben seiner Liebe zur Schlaumeierin Gwen Stacy (Emma Stone) und der Suche nach dem Mörder seines Onkels, sieht sich Spider-Man nun also auch noch dem fiesen Lizard gegenüber, der plant, alle Menschen der Stadt in Eidechsen zu verwandeln.

There’s rumor of a new species in New York. It can be aggressive, if threatened…

Frech und rasant

Dass der Hintergrund Peter Parkers etwas abgeändert wurde funktioniert im Kontext der Neuinterpretation des Comics großartig und gab mir gleich am Anfang ein gutes Gefühl. Besonders die erste Stunde macht den Eindruck, dass The Amazing Spider-Man viel tiefer geht und mehr Emotionen bietet, als Raimis Filme. Warum Marc Webb einer der aufstrebenden Sterne am Regie-Himmel ist, wird mit seinem Spider-Man schon sehr deutlich. Einige frische Ideen, ein eigener Stil und eine fürs Actionkino erstaunlich tiefe Charakterisierung der Figuren sind hier seine Markenzeichen. Letzteres kommt auch den schauspielerischen Leistungen zugute.

Sally Field und Martin Sheen spielen Tante May und Onkel Ben. Field kann sich dabei mit der wundervollen Rosemary Harris aus der Spider-Man-Trilogie messen und Sheen nimmt man den verantwortungsbewussten Onkel natürlich auch ab. Mit dem charismatischen Garfield bekommt die Figur des Spider-Man einen noch frecheren und lässigeren Touch. Daneben sorgt Emma Stone für einige Lacher und gibt ein souveränes, aber auch toughes Mädchen in Not. Dass wir sie hier blond sehen hat mich persönlich ziemlich gestört, da es ihr einfach nicht steht. Und auch wenn der Lizard überhaupt nicht in diese weniger bunte Version von Spidey passt, so macht Rhys Ifans einen grandiosen Job. Er gibt der Echse Tiefgang und lässt uns mehr an ihrem Wandel teilhaben als das Drehbuch es eigentlich erlauben würde.
In Sachen Action steht The Amazing Spider-Man seinen Vorläufern in nichts nach. Gerade die rasanten Actionchoreografien von Held und Fiesling geben ordentlich Gas. Ebenso die Flüge durch die Häuserschluchten.

We all have secrets: the ones we keep… and the ones that are kept from us.

Besser oder schlechter?

Diese Häuserschluchten waren außerdem das einzige, was eine dritte Dimension in diesem Film überhaupt legitimiert. Bis auf einige Kleinigkeiten, machte das 3D nicht viel Sinn und war erneut nichts als rausgeworfenes Geld.

Aber zurück zum Film. Wie man beim Überfliegen der Handlung schon bemerkt, nimmt sich der neue Spider-Man durchaus selbst sehr ernst: Der Arzt, der wieder zwei Arme haben möchte, das vom Vater hinterlassene Mysterium, die verzweifelte Suche nach dem Mörder des geliebten Onkels, die Konfrontation von Macht und Verantwortung (!) und so vieles mehr versprachen mir zu Anfang eine anspruchsvolle Comicverfilmung. Aber mit dem Einstieg des Lizards als großer, grüner Bösewicht verfliegt mein Traum von einer seriösen Umsetzung der Vorlage. Ich ging rein mit den Erwartungen eines Superheldenfilms, doch das Drehbuch und der Look bauten zu viel Ernsthaftigkeit auf, um weiter an ein kunterbuntes Raimi-Stück zu denken. Aber es folgt die Ernüchterung: der Bösewicht löst sich aus seiner Verschachtelung und wird zum überzeichneten Monster. Die Motivation, alle Menschen New Yorks in Eidechsen zu verwandeln geht mir einfach zu weit. Auch wenn Ifans den Wahn weniger flach erscheinen lässt, so konnte ich das Geschehen nicht mehr völlig ernst nehmen. Das ganze muss dann leider auch noch im Feuerwerk eines riesigen blauen Partikelregen münden.

Zu schade, dass aus einem Spider-Man mit ernstzunehmenden Dark Knight-Potential eine Standard-Comicverfilmung wird. Als solche ist sie aber gut, auch wenn ich keinen Vergleich zu den Filmen von Sam Raimi aufstellen möchte. The Amazing Spider-Man ist vom Ansatz tiefgreifender, vielschichtiger und an vielen Stellen lustiger. Dagegen waren die einzelnen Konflikte in Raimis Version schlussendlich doch etwas komplexer. Die Tatsache, dass Webb sein Potential verschenkt, büßt den älteren Filmen gegenüber vieles ein. The Amazing Spider-Man lässt seine Handlung zum Ende hin zunehmend schleifen und verfällt in ein überhastetes Erzähltempo. Der Prototyp des Polizisten, also Gwens Vater, stört mich im neuen Film ebenfalls sehr. Er ist nicht gut genug ausgearbeitet, um dem Druck der Emotionalität am Ende standzuhalten. Im Endeffekt ist auch noch Danny Elfmans Musik in der alten Trilogie besser.

Ready to play God?

Fazit von Moviemax

Vielleicht liegt es daran, mit Sam Raimis Spider-Man-Filmen aufgewachsen zu sein, aber trotz Andrew Garfield und Emma Stone konnte der Charme der älteren Reihe nicht eingeholt werden. Inszenatorisch ist Webbs Version teilweise große Klasse und auch die Darsteller leisten wunderbare Arbeit. Obwohl er am Anfang so viel verspricht, kommt The Amazing Spider-Man aber trotzdem über eine handelsübliche Comicverfilmung nicht hinaus. Sein Publikum wird er aber ohnehin finden und die Fortsetzungen sind wohl jetzt schon fix. Für mich aber, bleibt ein gewisses Maß an Enttäuschung.

Ein Kommentar »

  • sturgtr am 12.07.2012 um 21:26:

    Kann die Meinung hier nicht teilen. Sam Raimis Filme haben mich seit jeher dazu gebracht in Spider-Man die verweichlichte Heulsuse der ersten 3 Teile zu sehen, der ja auch so verantwortungsvoll und gespalten rum läuft. Andrew Garfield ist dagegen der wesentlich bessere Spider-Man! Er spielt die Rolle so, wie auch ein normaler Junge auf seine Kräfte reagieren würde. Zunächst einmal nutzt er es für seinen eigenen Vorteil, verarscht seine Mitschüler und will seinen Onkel rächen. Erst als er zufällig herausfindet, dass die Menschen ihn brauchen nutzt er seine Macht dafür. Dass die nervige Mary-Jane im neuen Film nicht mitmacht ist ebenfalls eine Verbesserung und, da Gwen Stacy erstens kein kleines Dummchen sondern eine taffe Schlaumeierin ist – und zweitens, da Emma Stone die wesentlich bessere Schauspielerin ist. Dass ein Action Film (besonders ein Comic) nach über einer Stunde auch irgendwann mal zum finalen Showdown bläßt und nicht wie TDK komplett sein Comic-Charme verliert ist zwingend notwendig. Btw. auch mal sehr angenehm, dass Spidey einiges einstecken muss und dieses mal nicht einfach so fäden aus den Handgelenken schießen kann.

    Zum Abschluss gilt es noch zu sagen, dass dies der erste Film seit Avatar ist, bei dem sich das 3D lohnt! besonders die Szenen aus Spider-Mans Sicht und die schnellen Bewegungen machen einiges her.

    Wenn man den neuen Spider-Man also im vergleich zu den alten setzen sollte, dann liegt Andrew Garfield Kilometer vor Tobey Maguire – und das obwohl der Film noch nichtmal all seine Grenzen ausgereizt hat. The Green Goblin kommt erst noch, hoffentlich darf Gwen Stacy im Film aber überleben.

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