The Artist

The Artist

Ein Franzose dreht mit französischem Hauptdarsteller einen Stummfilm über das Hollywood der 20er und 30er Jahre? Der Trailer war es, der mich verzaubert hat und letztendlich ins Kino lockte. Ich hatte Angst, dass der Hype um The Artist meine Erwartungen zu sehr in die Höhe getrieben hatte. Da ich bereits lange vor den Schlagzeilen im Internet den charmanten Trailer sah, überraschte es mich, dass diese Perle doch noch in das Zentrum der Medienwelt geriet. Zu Recht?

Abgesang auf Stummfilm und Eitelkeit

Der gefeierte Stummfilmstar George Valentin (Jean Dujardin) produziert Filme wie am Fließband. Mit seinem Filmhund und dem kompromisslosen, Zigarren rauchenden Produzenten garantiert er die besten Einspielergebnisse und volle Kinosäle. Es sind goldene Zeiten. Parallel dazu verfolgt der Film den Aufstieg der Statistin Peppy Miller (Bérénice Bejo), deren Weg ins Filmgeschäft scheinbar auf einer Begegnung mit Valentin beruht. Des Öfteren kreuzen sich die Wege der beiden.

Wie aus dem Nichts sieht sich Valentin mit dem Tonfilm konfrontiert. Anfangs lacht der eitle Star noch über diese kurzweilige Neuerung. Als ein von ihm allein produzierter Stummfilm floppt, geht George Valentins Karriere zunehmend den Bach hinunter. Er hat kein Geld mehr, verpfändet all seine Reichtümer und bezieht eine schäbige kleine Wohnung. Peppy Miller muss den Fall Valentins mit ansehen, würde jedoch nichts lieber tun, als ihm zu helfen…

Seine Stärken ausgespielt

Regisseur und Drehbuchautor Michel Hazanavicius schien zu wissen, was er tut. Das soll heißen, dass er sein eigentlich sehr gewagtes Projekt sehr souverän zu inszenieren weiß. Er setzt seine großartigen Schauspieler perfekt in das wunderschön kostümierte und ausgestattete Sittenbild. Die Stummfilm-Atmosphäre wird dadurch geschaffen, dass jeder Augenblick eine würdevolle Reminiszenz darstellt. Jede Fratze des Hauptdarstellers, jede Geste, jeder Klang des Soundtracks, jede Übertreibung und jede Entgleisung sind tiefe Verbeugungen vor dem, was nicht vergessen werden darf. Sei es nun das häufige Spiel mit den Schatten oder der Schnitt nach alter Schule. Hazanavicius wird reichlich Stummfilme gesehen- und sich selbst eine Menge alter Stilmittel herausgearbeitet haben. So trotzt die Bildsprache vor genialen Einfällen und übernimmt in ungewohntem 4:3-Format die erzählerischen Aufgaben des Dialogs mit Bravur. Gerade in Zeiten von Effekt-Orgien und Vampir-Schmonzetten sind mir gar keine Dialoge lieber als hölzernes Gequatsche.

Der Treibsand besiegelt Valentins Untergang im Filmgeschäft und eine Spiegelung im Schaufenster eines Festmoden-Salons bestätigt seine Sehnsucht. Tolle Einfälle sind es, die den Rahmen für Jean Dujardins meisterliche Leistung bieten. Im Kino dachte ich mir, dieser Kerl wäre zur falschen Zeit geboren. Er bringt seine Errol Flynn-Figur perfekt zum Bröckeln, lässt ihn jedoch niemals seinen Stolz verlieren. Nach jahrelanger Zusammenarbeit macht es sich bezahlt, dass Hazanavicius seinem Darsteller die Rolle auf den Leib geschrieben hat. So brachte sie ihm bisher Golden Globe, BAFTA-Award, Oscarnominierung und den Darstellerpreis in Cannes. Völlig verdient, wie ich finde. Auch Bérénice Bejo ist als gutmütige und bescheidene Sauberfrau spitze. Ihre Darstellung wurde ebenfalls für etliche Preise nominiert.

Etwas zu viel Lob

Aber trotz all dem Lob war es leider nicht mein Kino-Kracher 2011. (Erscheinungsdatum in den USA: 12.10.2011) Die teilweise überragende, aber nicht durchweg spektakuläre Kameraarbeit wird beispielsweise etwas überbewertet. Ausgezeichnet mit dem BAFTA-Award und nominiert für den Oscar, erreicht die Photographie nicht die Klasse von The Tree of Life, Drive oder Verblendung. Die Prioritäten der Bebilderung liegen ja auch nicht darin, dem modernen Stil zu folgen, aber insgesamt ist sie nicht auffällig genug.

Der Soundtrack ist heutzutage natürlich besonders herausstechend, da er die einzige Tonkulisse des Films darstellt und ebenfalls eine wesentliche erzählerische Position einnimmt. Er bietet auch ein umfangreiches Spektrum von humorvoller Slapstick-Untermalung bis hin zum Episch-dramatischen. Wenn man jedoch bedenkt, dass Filmmusiker 25 Jahre lang Filme vollständig mit Musik unterlegten und mit ihr narrative Positionen einnahmen, erscheint einem die Leistung von Ludovic Bource bereits weniger überragend. Das soll aber nicht heißen, dass der Soundtrack nicht gut ist – lediglich etwas überbewertet.

Auch wenn das Experiment „The Artist“ nahezu einwandfrei funktioniert, so hat der Film im Mittelteil einige Längen. Diese kann man aufgrund diverser Einfälle und abstruser Ideen jedoch verschmerzen.

“Look at what you’ve become. You’ve become proud! You’ve become stupid!”

Fazit von Moviemax

Die Liebe zum Detail macht The Artist zu etwas ganz besonderem. Es sind die kleinen Besonderheiten des Drehbuchs, welche einem zusammen mit Dujardin ein wunderschönes Leinwanderlebnis liefern. Ich erinnere mich gerne zurück an Valentins Alptraum von der Welt voller Geräusche, in welcher er nicht sprechen kann – so, wie mir auch etliche andere Szenen einfallen, die den Rahmen sprengen würden.

Etwas derartig Besonderes, was auf so viel Mut und Wahn gebaut sein muss, kann jedoch nicht völlig perfekt sein. Man muss also Abstriche machen, wenn man glaubt, DAS Kinoereignis des Jahres zu sehen. Aber ein solches Ereignis, und das ist The Artist, sollte man sich nicht entgehen lassen.

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