The Descendants

The Descendants

Vor acht Jahren erschien mit Sideways der bisher letzte Film von Alexander Payne in den Kinos, zwei Jahre zuvor drehte er mit About Schmidt ebenfalls ein Drama mit tragikomischen Zügen. Diesem Genre hat sich Payne nun erneut zugewandt. Und mit The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten ist ihm der bisher vielleicht größte Clou seiner Karriere gelungen.

Diesmal erzählt Payne die Geschichte des Anwalts Matt King (George Clooney). Der lebt auf Hawaii mit seiner Frau Elizabeth (Patricia Hastie) und den beiden Töchtern, der 17-jährigen Alexandra (Shailene Woodley) und der zehn Jahre alten Scottie (Amara Miller). Auf den ersten Blick führt Matt ein glückliches und erfülltes Leben. Er ist Treuhändler eines riesigen und unberührten Landgebietes, das bereits seit den 1860er-Jahren im Besitz seiner Familie ist, aber jetzt für mehrere hundert Millionen Dollar von Matt und seiner großen Garde an Cousins verkauft werden soll. Geld ist aber ohnehin keine Problem, denn als Anwalt verdient Matt mehr als genug. Und auch sein Familienleben scheint auf den ersten Blick intakt zu sein. Doch als seine Frau nach einem Unglück bei einem Motorboot-Rennen ins Koma fällt, muss Matt einsehen, dass sein Leben alles andere als perfekt ist.

„Paradise? Paradise can go fuck itself.“

Alles andere als eine heile Welt

Wie er selber einsieht, war er die meiste Zeit über nicht mehr als das „Ersatzelternteil“ für seine Kinder. Seine Frau war es, die sich um die Beiden gekümmert hat. Ohne sie droht die Familie nun zu zerbrechen. Mit den Kindern ist er hoffnungslos überfordert, die jüngere Scottie benimmt sich in der Schule daneben, sie mobbt ihre Mitschüler. Die ältere Alexandra geht auf ein Internat und machte bereits die ein oder andere Erfahrung mit Drogen und älteren Jungs.

Als Matt dann auch noch erfährt, dass seine Frau keine Überlebenschance mehr hat und die Ärzte dazu raten, die lebenserhaltenden Maschinen abzustellen, versucht er mit Hilfe Alexandras wenigstens die Familie am Leben zu halten. Die ist es dann auch, die Matt die nächste Hiobsbotschaft überbringt: seine Frau, Elizabeth, hatte ein Verhältnis mit einem jüngeren Mann und wollte die Scheidung.

Matt stellt Nachforschungen an, um den Liebhaber seiner Frau ausfindig zu machen. Es ist der Immobilienhändler Brian Speer (Matthew Lillard). Matt will ihn zur Rede stellen und unternimmt mit seinen Töchtern und Alexandras Kifferfreund Sid (Nick Krause) eine Reise auf eine naheliegende Insel, denn dort befindet sich Speer gerade auf einer Geschäftsreise. Dabei stellt sich heraus, dass Speer eine tragende Rolle beim geplanten Verkauf des Landgebietes spielt…

„On the phone he can escape, in person, he’s got nowhere to go. I wanna see his face.“

Clooney ist seiner vielleicht besten Rolle

Was zunächst wie eine klischeebehaftete Seifenoper klingt, wird durch die Regie von Payne zu einem tragischen Drama. Wie schon in seinen früheren Filmen verleiht er den Charakteren eine wunderbare Tiefe und Dynamik. Matts Leben steht auf dem Prüfstand und es liegt an ihm, seine Familie am Leben zu halten. Es liegt an ihm, mit der unglaublich schweren Situation seiner Frau umzugehen. Und dann liegt es auch noch an ihm, über ein Multimillionen-Projekt zu entscheiden.

Hier kommt George Clooney ins Spiel. Einer der größten Stars in Hollywood, ein Mann, den man in der Regel in der Rolle des souveränen und selbstbewussten Machers kennt. Als Matt King hingegen ist Clooney ein ergrauter Mann mittleren Alters, dessen Haare nicht immer perfekt sitzen und dessen Klamotten nicht gerade Frauenheld-Potential haben.

An Souveränität und Leichtigkeit fehlt es Matt ebenfalls. Er hat mit den Problemen und seinen Emotionen schwer zu kämpfen. Dabei weiß er zwar manchmal nicht weiter, doch verliert aber auch nie seine Würde. Gerade dieser für ihn untypischen Rolle verleiht Clooney eine unglaubliche Glaubwürdigkeit. Man nimmt ihm seine Situation ab, er haucht seinem Charakter Leben ein. Man sieht Matt King, und eben nicht George Clooney, auf der Leinwand. Und das ist das wohl größte Kompliment, was man einem so bekannten Schauspieler wie ihm überhaupt machen kann. Nicht umsonst ist er der große Favorit auf den Oscar für den besten Hauptdarsteller, den in The Descendants lieferte Clooney die vielleicht stärkste Performance seiner Karriere ab.

„You need to come home and see your mom.“

Eine starke Familie

Doch dabei trägt Clooney den Film nicht mal alleine. Da wären beispielsweise seine beiden Töchter, gespielt von Shailene Woodley und Amanda Miller. Woodleys Alexandra macht im Laufe der Geschichte eine beeindruckende Entwicklung durch und jeden Schritt davon kauft man der bisher unterschätzten TV-Schauspielerin zweifelsfrei ab. Sie ist eben mehr, als nur eine partywütige Göre. Die kleine Schwester Scottie bekommt von Miller ein ebenso klares Gesicht. Erst aufmüpfig, lernt sie mit Hilfe ihrer Familie die schwere Situation irgendwie zu überstehen. Die Trauerbewältigung ihres Charakters stellt Miller dabei beeindruckend dar.

Clooney, Woodley und Miller ergänzen sich dabei erstaunlich gut. Sie funktionieren als Familie, die erst durch eine Tragödie wieder zueinanderfindet. Der Dank dafür gebührt natürlich der Regie, aber auch dem Drehbuch von Alexander Payne. Das Script verfasste er nämlich nach der Romanvorlage von Kaui Hart Hemmings in Zusammenarbeit mit Nat Faxon und Jim Rash selber. Das Resultat ist diese bewegende Geschichte über Familie, den Tod und Vergebung.

„What is it that makes the women in my life destroy themselves?“

Payne findet die richtige Mischung

Die Musik und die Fotografie haben ebenfalls eine große Bedeutung. So ist der Film von klassischer, aber auch von moderner, hawaiianischer Musik unterlegt. Dadurch wird die Stimmung in vielen Szenen etwas aufgelockert, was anhand der ernsten Thematik auch angebracht ist. Die Kameraführung unter der Riege von Phedon Papamichael zeigt nicht nur die wunderschönen (Reisekatalog-)Seiten Hawaiis, sondern legt ihren Fokus vielmehr auf die Emotionen der Darsteller und sorgt so für die wiederum für die nötige Ernsthaftigkeit.

Um nicht allzu sehr auf die Tränendrüsen zu drücken, verleiht Payne The Descendants aber auch eine Prise Humor. Dies tut er aber so geschickt, dass die lustigen Momente zu keinem Zeitpunkt unangebracht wirken. Vielmehr sind sie eine erfreuliche Abwechslung zur sonst schweren Kost. Für die meisten Schmunzler dürfte dabei Nick Krause in seiner ersten großen Kinorolle als Sid verantwortlich sein. Doch, wie sollte es anders sein, auch er zeigt trotz seines unreifen Verhaltens irgendwann eine ganz andere Seite.

Neben Krause liefern auch Robert Forster (Jackie Brown) als Elizabeths strenger Vater Scott und Judy Greer (Two and a Half Men) als Brian Speers betrogene Ehefrau Julie starke Leistungen ab. Beide brillieren sogar in zwei der emotionalsten Szenen des Films. Beau Bridges als Matts Cousin Hugh sorgt wie Krause für einen komödiantischen Nebeneffekt, spielt aber auf der anderen Seite einen knallharten Geschäftsmann – dem Hawaiihemd zum Trotz.

„Well, I guess that is about it.“

Fazit von Wolfgang

The Descendants ist ein emotionaler Film, der sich mit einigen wichtigen und schwierigen Themen auseinandersetzt. Ein fesselndes Werk zum Nachdenken. Die Charaktere sind dabei so fein gezeichnet, dass man ihnen ihre Konflikte nicht nur abnimmt, sondern auch mit ihnen fühlt. Die präzise Regie von Alexander Payne macht die Geschichte glaubhaft, die gelegentlichen Humorspitzen sorgen für Aufheiterung. Dabei geht die nötige Ernsthaftigkeit aber nie verloren. Die Chemie, die Mischung, stimmt also. Die Schauspieler machen einen grandiosen Job, allen voran George Clooney, der nicht nur den Golden Globe verdient hat, sondern völlig zu Recht Oscar-Favorit ist. Hier wurde wirklich fast alles richtig gemacht und so ist The Descendants zweifelsfrei einer der besten Filme der letzten Zeit.

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