Tödliches Kommando – The Hurt Locker

Tödliches Kommando – The Hurt Locker

Die Oscar-Verleihung 2010 war historisch. Historisch in dem Sinne, als dass zum ersten Mal in der Geschichte der Academy Awards eine Frau den begehrten Goldjungen für die Beste Regie erhielt. Die freudenstrahlende Dame war Kathryn Bigelow, die sich primär auf das Action-Fach verlegt hat. Ihr bisheriges Schaffen umfasst zwar wenige, aber dafür durchaus relativ bekannte Filme, wie der Horror-Kult Near Dark (1987), der Cyberpunk-Streifen Strange Days (1995) oder das Historien-Drama in einem russischen U-Boot K-19 – Showdown in der Tiefe (2002).

Der Film, für den sie ausgezeichnet wurde, war das Irakkriegs-Drama The Hurt Locker, dessen Produktionsjahr eigentlich schon 2008 war. Zudem räumte dieser bei der Oscar-Verleihung auch noch in diversen anderen hochkarätigen Kategorien ab wie Bester Ton, Bester Schnitt, Bester Tonschnitt, Bestes Originaldrehbuch und zu allem Überfluss auch noch Bester Film, womit er den haushohen Favoriten Avatar ausstach. Pikantes Detail am Rande: Kathryn Bigelow war mit dem Blockbuster-Regisseur James Cameron (Terminator, Titanic und eben Avatar) von 1989 bis 1991 verheiratet, was dem Ganzen natürlich eine zusätzlich dramaturgische Note verpasst.

“This box is full of stuff that almost killed me.”

…for war is a drug

Die Handlung des Films spielt sich im Jahre 2004 im von den US-Amerikanern besetzten Irak ab. Eine Sonderheit der Armee, nämlich der Explosive Ordnance Disposal (EOD), ist damit beauftragt, Bomben zu entschärfen. Aufgrund der anhaltenden Terror-Aktivitäten vergeht praktisch kein Tag, an dem sich die Soldaten nicht einem tödlichen Risiko aussetzen.

Neu hinzugezogen zum Team wird Sergeant William James (Jeremy Renner), der mit seinem überzogenen Draufgängertum nicht nur seine Kameraden Sergeant Sanborn (Anthony Mackie) und Specialist Eldride (Brian Geraghty) in über die Maßen gefährliche Situationen bringt. Schnell kommt es zu Spannungen zwischen den drei Männern, was nur alsbald zu psychischen Entblößungen führt.

Je länger ihr Einsatz von 1 ½ Monate dauert, umso öfter entrinnen sie nur knapp dem Tode. Menschen sterben schnell und sinnlos. Das Töten geschieht fast schon beiläufig. Nach einem weiteren Terror-Anschlag verfolgen die drei Soldaten, auf das Drängen von Sergeant James hin, die Attentäter ohne Befehl auf eigene Faust durch die nächtliche Stadt. Für den Adrenalin-Kick riskiert James alles und es kommt zu einem tragischen Vorfall…

“Everyone’s scared about something, you know?”

Die Reinheit des Krieges

The Hurt Locker ist vielleicht ein Kriegs-Drama in Reinform. Er klagt nicht an, moralisiert nicht oder zeigt die größeren politischen Zusammenhänge. Der Fokus liegt ganz allein auf den Soldaten, die tagtäglich ihr Leben riskieren und ständig einer Extrem-Situation ausgeliefert sind.

Je weiter die Handlung fortschreitet, umso offenbarer wird die so unberechenbare wie gefährliche Welt, die sich fühlbar am Rande der Apokalypse befindet. Dichter und eindringlicher könnte die Atmosphäre, das Chaos und der Dreck dieses Zustands genannt Krieg wohl nicht dargestellt werden. Mittendrin zeigen sich aber auch immer wieder gänzlich surreale Momente, die das Geschehen inmitten von Hitze und Sand wie einen bösen Traum erscheinen lassen. Dabei ist die Sinnlosigkeit des Tötens und Sterbens allgegenwärtig.

Natürlich wird dabei mehr und mehr die Psyche der Figuren hervor geschabt. Das männliche Macho-Gehabe soll noch ein wenig das angeknackste Selbstbewusstsein inmitten des Irrsinns aufrecht erhalten, aber je näher der Tod kommt umso schneller verfliegt auch das. Dann werden all die Brüche, all die Ängste, all die Abgründe immer deutlicher. Was aber für die Einen eine noch größere Sehnsucht nach dem Leben bedeutet, heißt für einen Anderen die noch gehetztere Suche nach dem nächsten Kick.  

“There’s enough bang in there to blow us all to Jesus. If I’m gonna die, I want to die comfortable.”

Filmemachen ist Krieg

The Hurt Locker ist trotz des deutlich intensiven Schauspiels und einer sehr guten Handlung, in erster Linie ein deutlicher Triumph des Filmemachens selbst. Mehr als zu Recht vielfach ausgezeichnet ist nämlich das Handwerk, das darin steckt. Hier erlebt der Zuschauer den Triumph von Schnitt, Ton und Regie.

Die Inszenierung erreicht nämlich im Fortlauf des Geschehens eine enorm hohen Perfektionsgrad, der zudem den Spannungsbogen immer weiter hinauf treibt. Hier bekommt man Bilder und Sequenzen präsentiert, die absolut gekonnt in Szene gesetzt sind und zwar in jeglicher Hinsicht. Nicht nur die mitreißende Schnittfolge hält einen auf Trab, sondern auch die Kamera, die den Zuschauer ein enorm dichtes ‚Mittendrin‘-Gefühl vermittelt. Näher dran, bei fast tatsächlich spürbarer Gefahr der Kriegs-Situation, könnte man praktisch bei einem solchen cineastischen Erlebnis nicht sein.

Kathryn Bigelow zieht alle Register einer Action-Regisseurin und beeindruckt damit gänzlich. Damit lässt sie nicht zuletzt auch gewisse männliche Kollegen etwas alt aussehen, sondern überflügelt mit ihrem Können tatsächlich auch James Cameron, was bei seinem bisherigen Schaffen auch wirklich was heißen will.

“Everyone’s a coward about something.”

Fazit von Spenz

 The Hurt Locker mag zwar ein vergleichsweise ‚kleiner‘ Film sein, bietet aber tatsächlich Action auf allerhöchstem Niveau und funktioniert dabei als schonungsloser Kriegsfilm ebenso großartig wie eindringlich.

Für mich ist es vor allem die handwerkliche Seite, eben mit Schnitt, Kamera und allen voran die Regie, die mich gänzlich gewinnen konnte und die zeigt, welch hohe Intensität und Spannung ein Werk wie dieses zu vermitteln vermag. Unter anderem fand ich eine Sequenz eines sauspannenden Sniper-Shootouts besonders umwerfend.

Unterm Strich überflügelt The Hurt Locker den in gewisser Hinsicht seinen ‚zufälligen‘ Konkurrenten Avatar sogar deutlich. Fast möchte man meinen, eine Kathryn Bigelow hat den SF/Action-Veteranen James Cameron tatsächlich auf ganzer Länge ausgestochen, was cineastische Qualität und inhaltliche Substanz betrifft, auch wenn sich beides natürlich weder in den jeweiligen Budgets (15 Mio. vs. 300 Mio. oder mehr) und schon gar nicht in den Einspielergebnissen (48 Mio. vs. 2,7 Mill.) zeigt.

Aber vielleicht sind die Oscars und die zig anderen Auszeichnungen für The Hurt Locker eine Art von symbolischer Gerechtigkeit, die zeigt, dass das Kino als Kunstform weder vor dem Geld noch vor einem Massenpublikum kapitulieren muss!

Blu Ray-Extras:

Bild und Ton sind perfekt festgehalten auf der Silberscheibe, was gerade einen Film wie diesen, der so nahe am actionreichen Geschehen ist, nur noch noch intensiver werden lässt. Die Extras selbst sind wiewohl ziemlich dürftig. Das Making Of bietet zwar einige gute Einblicke, ist aber nicht allzu lange ausgefallen. Die wenigen Interviews sind nicht nur kurz, sondern wiederholen sich in Ausschnitten im besagten Making Of. Mit Kinotrailer, ein paar Eindrücken vom Dreh selbst in einer B-Roll und ein paar Programm-Tipps hat man auch schon alle Zusatz-Features der Blu Ray beisammen. Besonders enttäuschend für mich: es gibt kein einziges Audiokommentar, wobei gerade eines von Kathryn Bigelow selbst besonders wünschenswert gewesen wäre.

PS: Trotz meiner Haue auf Avatar finde ich den Film schon auch ziemlich toll und James Cameron ist allein für T1, T2 und Aliens ein Genre-Gott für mich…