Babylon 5 – Die komplette Serie

Babylon 5 – Die komplette Serie

Tja, was soll ich sagen? Habe mir gerade eben die Abschlussepisode Sleeping in Light nach 5 Staffeln Babylon 5 beschaut und die Gänsehaut samt gelegentlichem Schluchzen wollten in den knapp 43 Minuten inklusive Abspann (mit Bildern von der gesamten Crew) gar nicht mehr aufhören…

Babylon 5 war Mitte der 90er eigentlich der große Wegbereiter für die zukünftige Serienlandschaft und dürfte bis heute in ihrer Gesamtheit die beste SF-Serie überhaupt sein, trotz anderer großartiger Genre-Vertreter wie unter anderem Deep Space 9, Firefly (curse you Fox!) oder Battlestar Galactica. Eine revolutionäre Serie, da es praktisch erstmals einen komplett durchgehenden Story-Bogen über volle 5 Jahre gab (auch wenn der zwischendurch mal halb abgewürgt wurde), im Einsatz von Computereffekten (ohne Modelle wie sonst damals üblich) und überhaupt in der gesamten Charakterentwicklung der vielen komplexen Figuren. Mutig und einzigartig beim Erschaffen eines gigantischen Universums, das dem kompletten Star Trek-Szenario mit seinen zig mehr Staffeln und Ablegern mehr als nur Paroli bieten konnte. Bewundernswert in seinem eigenständigen Stil prägte B5 nicht zuletzt fast alle nachfolgenden Genre-Ableger und ließ so das futuristische Weltall deutlich bunter werden. Fantastisch in den Dialogen und herausragend betreffend des Casts. Im Übrigen ist dieser Artikel trotz anfänglicher kritischer Anmerkungen als Ode an Babylon 5 selbst zu verstehen.

”This is the story of the last of the Babylon stations. The year is 2258. The name of the place is Babylon 5.”

Reichlich angestaubt eigentlich…

Freilich, objektiv betrachtet haut einen die Serie mehr als 10 Jahre nach ihrem Ende nicht mehr ganz so um. Zu sehr hat sich inzwischen die gesamte Serienlandschaft weiterentwickelt. Speziell beim gesamten Produktionsdesign hinkt Babylon 5 fast allen heutigen Serien hinterher. Effekte (wiewohl die zum Schluss hin deutlich besser wurden als am Anfang, aber ein gewisser unrealistischer und deutlich künstlicherer Look als im Vergleich bei DS9 ist unverkennbar), Kameraführung, Beleuchtung, Props und auch Schnitt sind gerade bei den qualitativ hochwertigeren Serien wie jenen von HBO fast schon Lichtjahre vor B5. Selbst ‘kleinere’ Mystery-Ableger wie Fringe haben da insgesamt mehr drauf und wirken schlicht cineastischer (nicht zuletzt auch im Vergleich zu Akte X).

So kommt B5 gelegentlich wie ein billiges Bühnenstück mit etwas plump platzierten Kulissen rüber. So ist zum Beispiel der Thronsaal auf Centauri Prime erschreckend klein, wenn doch die Figuren, die Imperien und die Geschichten soviel größer sind. In solchen Momenten wünscht man sich einen tollen Computereffekt herbei, der uns eine riesige, barocke Halle präsentiert, freilich allein schon aus budgetären Gründen war dies annodazumals unmöglich.

”Great Maker!”

Wenig Geld und manchmal ein erschreckender Mangel an Qualität…

Wobei man dabei nicht vergessen darf, dass jede Episode deutlich unter 1 Mio. Dollar insgesamt an Budget zur Verfügung hatte und der Main Lead Bruce Boxenleitner mit 20.000 Dollar pro Folge noch am meisten verdiente. Zum Vergleich: in der Comedy-Serie Friends bekam in der letzten Staffel jeder der Darsteller jeweils 1 Mio. Dollar (!) und ein Charlie Sheen allein verdient inzwischen pro Folge Two and a Half Man mehr als 1,2 Millionen Dollar (wobei man inzwischen hier ein wenig die Inflation und sich verändernde Produktionsbudgets in der Serienlandschaft miteinrechnen muss). Und wenn mal bei Battlestar Galactica die Kampfsterne aus allen Rohren feuern, dann wirken die Verteidigungssysteme der Raumstation Babylon 5 mit ihren inzwischen fast schon hässlich animierten Kanönchen vergleichsweise lächerlich.

Zudem ist der Cast auch nicht immer ganz ideal erwählt, was man nicht zuletzt daran merkt, dass fast sämtliche Darsteller nach B5 weder in Film noch im Fernsehen auch nur irgendwie in größeren Rollen glänzen konnten (und auch ein Bruce Boxleitner muss auf einen Tron 2 warten). Und gerade in der 1. bzw. fast der ganzen ersten Hälfte der 5. Staffel sind jede Menge hundsmiserabler Folgen dabei (ich sag nur Byron samt seiner Hippie-Telepathen-Kommune und Trash-Höhepunkte wie Grey 17 is Missing mit Robert Englund, wiewohl 3. Staffel).

Auffällig dabei immer: sobald B5 die geniale Gesamt-Handlung verlässt und Lückenfüller-Episoden nach dem Schema (S)F produziert, merkt der geneigte Zuschauer nur allzu schnell, dass so einiges an der Serie sehr B-lastig ist. Versagt das Drehbuch (was auch in den besseren Momenten zwischendurch mal passiert, so wirkt es reichlich unglaubwürdig dass zum Beispiel G’Kar allein für die Verfassung der gesamten Vielvölker-Allianz zum Schreiben verantwortlich ist), reißt es meist fast eine ganze Folge mit in den Abgrund und sämtliche Schwächen der Serie kommen überdeutlich zum Vorschein. Mitte der 90er sah man darüber vermutlich noch gnädiger hinweg, aber inzwischen kann sich eine Serie sowas, wenn sie auf hohem Niveau verharren will, praktisch nicht mehr leisten.

”I am Grey. I stand between the candle and the star. We are Grey. We stand between the darkness and the light.”

…aber so viel mehr an Licht.

Trotzdem, wenn das Script passt, die Dialoge stimmen, die Darsteller in ihren Rollen aufgehen und der dramaturgische Rhythmus passt samt gut platzierter Effekte, dann, ja dann läuft Babylon 5 zu Hochtouren auf und dann merkt man all die Genialität dieser einzigartigen SF-Serie. Glücklicherweise ist genau das sehr oft der Fall. Wobei für mich B5 mehr eine Geschichte von Londo Mollari, umwerfend gespielt von Peter Jurasik, ist als von dem einen Tick zu langweiligen John Sheridan (Bruce Boxleitner). Sein Aufstieg von einem kleinen, unbedeutenden Botschafter zu einem der führenden Kriegstreiber gegen die Narn bis hin zum Imperator des gesamten Centauri-Imperiums ist derartig großartig inszeniert wie selten wo.

Dabei hat die Figur so viele starke Momente und Dialogzeilen (z.B. als er eingestehen muss, dass er die Lichtgestalt von Kosh nicht gesehen hat oder er minutenlang die Bombardierung der Narn-Welt mit Massenbeschleunigern vom Centauri-Kreuzer aus beobachtet oder als er durch die Trümmer der Hauptstadt alleine zur Krönung wandert, lediglich der Klang der klagenden Glocken zu hören), dass er in praktisch jeder Episode glänzt. Großartig natürlich auch Andreas Katsulas in seiner Rolle als G’Kar, der wohl wie kein anderer Darsteller von B5 in der Figur aufgegangen ist und die meiste Zeit auch außerhalb des Drehs in voller Maske herumlief. Die Dynamik zwischen diesen beiden Hauptfiguren ist schlicht grandios.

”We all believe in something… greater than ourselves, even if it’s just the blind forces of chance.”

Der Meister hinter den Dingen

Zu verdanken haben wir dieses gigantische Universum (welches komplexer ist als so gut wie alle anderen SF-Serien und zugleich in einzelnen Staffeln mehr abgeht und dramaturgisch voranschreitet als vergleichsweise in anderen ganzen Serien), dem guten John Michael Straczynski (kurz JMS), der unglaubliche 92 von 110 Folgen der Serie geschrieben hat. Über Jahre hinweg lebte und atmete er praktisch Babylon 5. Ohne Zweifel seine größte Schöpfung, mit der er wahrhaftig die Welt der Fernsehserien für immer prägte. Inzwischen ist er übrigens als Comicautor und Schreiberling für diverse andere Produktionen recht gut untergekommen.

”We are star stuff. We are the universe made manifest trying to figure itself out.”

Fazit von Spenz

Was bleibt also über 10 Jahre nach der letzten Folge eines der Serienereignisse schlechthin? Die wohl nach wie vor beste SF-Serie aller Zeiten, die trotz einiger Schwächen und einem augenscheinlichen Abstinken gegenüber modernen Serien, bezogen in erster Linie auf Produktionsdesign und Cast, nach wie vor überzeugen kann, speziell was Charakterentwicklung, dramaturgischen Spannungsbogen, gesamten Erzählstrang, Stilsicherheit und Komplexität betrifft. Immer wieder dabei erstaunlich, wie großartig Plot-Elemente aus frühen Staffeln sich auf spätere auswirken oder wie Visionen von der Zukunft tatsächlich auch in der späteren Handlung sich erfüllen.

Nur eins kann ich Herrn JMS gar nicht recht verzeihen: wie er den Schattenkrieg mitten in der 4. Staffel abgewürgt hat und die grandiose Inszenierung mit allen den über so viele Jahre hinweg aufgebauten Spannungsbogen (vor allem wenn man die Auflösung all der Hints und Secrets noch nicht kennt) praktisch innerhalb von ein paar Minuten Gequatsche und Gejammere (von den Vorlonen und den Schatten) völlig zerstörte, war schon grausam anzusehen. Da wäre viel, viel mehr drin gewesen! Überhaupt ist die Staffel 4 etwas überhastet und wirkt deutlich zusammengestaucht (wobei andererseits was da alles los ist… Imperien fallen, Kriege werden gefochten, ganze Planeten ausgelöscht, uralte Völker kehren zurück und verschwinden wieder und das alles in einer Staffel und das alles zusammengehalten in einer großen Geschichte, in sich glaubhaft… sowas kriegen vergleichbare Serien mit viel Biegen und Brechen gerade so in 3 Staffeln insgesamt zusammen), was freilich daran liegt, dass bis zu ihrem Ende nicht klar war, ob‘s eine 5. gibt.

Noch schlimmer freilich, dass die 5. dann in der ersten Hälfte orientierungslos vor sich hinstackst, JMS den Zuschauern Byron und seine jammernden, langhaarigen Telepathen-Hippies viel zu lange zumutet (immerhin darf dies dann Lyta Alexander mit ihrer Entwicklung zum Über-Telepathen ein wenig ausgleichen) und generell von einer Gesamthandlung nicht viel zu merken ist. Insgesamt daher die schwächste Staffel, sogar hinter der 1., weil dort wenigstens die Exposition des Universums und der Figuren besser funktioniert.

Aber schließlich wird man mit den letzten Folgen und besonders Sleeping in Light dann doch wieder mehr als versöhnt (wohl eine der gelungensten, melancholischsten und zugleich auch irgendwie befriedigendsten Final-Folgen der Fernsehgeschichte… wiewohl ich schon weiß, dass die als Abschluss der 4. gedreht wurde) und man erinnert sich an die vielen guten und genialen Momente der Serie, die schließlich auch in ihrer Gesamtheit verweilen…

Abschließend noch meine persönliche Lieblings-Episode: The Coming of the Shadows. In der stimmt wirklich alles. Der Cast spielt grandios (nebenbei bemerkt spielt der Österreicher Turhan Bey den Imperator der Centauri), die Atmosphäre ist intensiver denn je, die Dialoge perfekt, der Spannungsbogen des Schattenkrieges erreicht hier einen seiner ersten Höhepunkte, auf den Figuren ruht alle Bürde, alle Verzweiflung, die sie noch so lange begleiten werden… Hat nicht umsonst den Hugo-Award, eine der wohl größten Auszeichnungen im Genre-Bereich überhaupt, gewonnen (neben der Folge Severed Dreams übrigens).

Und immer wieder die beiden großen Fragen: ‘Who are you?’ und ‘What do you want?’… Freilich ist es die Erste, die wirklich zählt…

Selten waren 5 Sterne passender.

”The quiet ones are the ones that change the universe… The loud ones only take the credit.”

PS: Von den Fernsehfilmen kann ich grenzenlos und unbedingt empfehlen In the Beginning, der meiner Meinung nach eine der besten SF-Produktionen überhaupt und sowieso ist, idealerweise erst anzuschauen nach allen 5 Staffeln. Ansonsten noch Thirdspace, wiewohl mit einem schwächelnden Finale. Alle anderen sind leider eher übel bis katastrophal mies geraten.  

PPS: ‘one moment of perfect beauty’… für mich einer der grandiosesten (kleinen) Momente der gesamten Serie, nicht zuletzt weil er mit so einfachen Mitteln mit Licht, fließender Kamera und reiner Tonalität erzeugt wird. Das ist genau der ‘sense of wonder’, den Babylon 5 in vielen seiner besten Momente erschafft, so wie dergleichen überhaupt in dem Genre so wesentlich und erstrebenswert ist. Aus der 2. Staffel, die Folge There all the honor lies… besonders schön die letzte Einstellung, als am Schluss nur der Gesang zu hören und Botschafter Kosh in seinem Anzug zu sehen ist…

  • Giga

    Perfektes Review :).
    Nothing left to say.

  • Spät aber doch: Man dankt!